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Kick´n rush

Primo Amore

Cachorro 

Before Sunset

Die Nacht singt ihre Lieder

Zwischen Nacht und Tag

Feux Rouges

Gegen die Wand

Die Spielwütigen
Ae fond Kiss
End of the Century - the Ramones
Beautiful Country
The Final Cut
Flammend Herz

freedom2speak v2.0 

Gettin' the man's foot outta your baadassss!

Monster

The Hired Hand

Traveling with Che Guevara

Trilogia: To Livadi Pou Dakrisi

Der Typ

The Rasberry Reich

Was nützt die Liebe in Gedanken

La vida que te espera

Maria voll der Gnade
Grenze

Berlinale 2004

Berlinale Tagebuch 2004

www.berlinale.de

Movie-College haftet nicht für den Inhalt externer Seiten

Die Berlinale verlangt den Cineasten so einiges ab. Das Programm ist prall gefüllt mit mehr oder weniger wichtigen Fundstücken der Filmkunst aus der ganzen Welt.

Sie anzuschauen ist eine Sache, ihr Wesen, ihre Stärken und Schwächen zu diskutieren, ein andere. Hier nun unsere diesjährigen Gedanken zum Gesehenen, subjektiv, aber ehrlich. Versprochen!

Laut Berlinale Richtlinien mussten wir leider fast alle Pressebilder zum 15. März 2004 entfernen.

Eine Geschichte vom Erwachsenwerden

Aage Rais-Nordentofts klammheimliche Beobachtung einer sinnlichen Faszination

Zum ersten Mal präsentiert die Berlinale in der Sparte Kinderfilmfest eine neue Rubrik mit dem Titel 14plus, die nach Aussage der Festivalleitung vor allem Jungendliche zum Festivalgelände locken soll. Filme für Teenager - da kommt unweigerlich die Frage auf, in welcher Variation nun diesmal ein sogenanntes Bild heranwachsender Jugendlicher gezeichnet wird und dabei die Grenzen des guten Geschmacks überschritten werden. Seit dem Erfolg des Blockbusters "American Pie" haben Teenie Filme international Hochkonjunktur und überschwemmen inzwischen auch das Privatfernsehen mit einer vermeidlichen Realitätsdarstellung. Hip, provokant und ausfallend muss in jedem Fall das Drehbuch sein, um der pubertierenden Handygeneration überhaupt ein attraktives Event bereiten zu können. In der Regel geht es um den Herzschmerz der postmodernen Jugend vermengt mit sexueller Laszivität, so dass im Ergebnis ein Konglomerat aus Klischee, platter Komik und gesteigerter Perversion auf die Leinwand projiziert wird.

Der dänische Regisseur Aage Rais-Nordentoft ist in diesem Jahr mit dem Beitrag "2 ryk og en aflevering" (Kick´n Rush) auf der Berlinale vertreten. Allein der Titel gibt bereits Entwarnung und lässt allenfalls berechtige Hoffnung auf Ungewöhnliches zu. Es geht, so der Regisseur, primär um die individuelle und gefühlsmäßige Erinnerung des Zuschauers an jene Zeit, die mit der ersten Liebe in Verbindung gebracht wird. Im Mittelpunkt der Story stehen die Freunde Jakob, Bo und Mikkel - wahrscheinlich Freunde seit dem Kindesalter und noch immer aktive Fußballspieler einer Mannschaft, die von Jakobs Vater geleitet wird. Der Konflikt der Story ist somit bereits vorprogrammiert. Während der Vater in den Kindern seine eigene Selbstverwirklichung sucht, von dem Glamour von Manchaster United träumt, entwickeln die Jungendlichen Ihre eigenen Gedanken und Vorlieben. Rais-Nordentoft bedient sich zu Beginn aller Klischees und reduziert die Welt der Protagonisten auf Körbchengrößen und Pornofilme. Statt einer reinen plakativen Darstellung gelingt dem Regisseur dabei jedoch eine Hervorhebung der Diskrepanz aus Körper und Geist. Körperliche Reife, anzügliche Phantasien, Rebellion und unreifer Geist vermischen sich im Film zu einer explosiven Mischung, die von vorne herein in die Katastrophe führen muss. 

Es sind jedoch gerade diese menschlichen Fehler, die den Film glaubwürdig erscheinen lassen. Jakob steht für diese Sympathie. Sein Äußeres verrät die Unschuldigkeit der vergangenen Jahre. Doch vor allem der Umgang mit den Mädchen offenbart ein Verhältnis von Leichsinnigkeit, Unaufmerksamkeit und Unsicherheit. Ganz anders dagegen die jugendlichen Mädchen. Bei Rais-Nordentoft vertreten sie den dominierenden Part. Sie offenbaren den Mut der offenen Gefühle und lenken somit das Gefühls Wirrwarr Ihrer Altersgenossen. In dieser Weise gelingt es auch Mathilde, Jakobs Interesse auf sich zu ziehen und seine Liebe zu gewinnen. Auch in dieser Phase beweist der Regisseur die herausragende Phantasie für wirkungsvolle Bilder, die den besonderen Charme der ersten Liebe hervorkehren. Er transportiert Momente der stillen erwartungsvollen Blicke, die mehr über die Einmaligkeit der unbändigen Sehnsucht und Neugier verraten, als alle Worte. 

Rais-Nordentoft verdeutlicht mit hoher Ästhetik, dass auch die junge Liebe ernst genommen werden möchte. Doch damit nicht genug. Es geht ihm auch um den schwierigen Reifeprozess zwischen Kindern und Eltern, der auf beiden Seiten zunächst Fehler und Unsicherheit offenbart. Auch hier sind für Rais-Nordentoft geschlechtspezifische Verhaltensmuster erkennbar. Während die Väter nur schwer Veränderungen akzeptieren können, mischen sich die Mütter vor Neugier zunehmend in die Beziehungen ihrer Kinder ein. Diese Kategorisierung wirkt im Film jedoch künstlich hineinprojiziert und löst sich nie ganz von dem Verdacht eines abstrakten Klischees. Im Ergebnis also ein fader Nachgeschmack, der jedoch schnell vergessen werden sollte. Rais-Nordentoft hat in diese Geschichte einer Jugendliebe auch seine gesamte künstlerische Liebe hineingesteckt und steht auf diese Weise weit außerhalb der Klischee-Reihe von American Pie und Co.

gesehen von Bogdan Büchner

Primo Amore- Die Hölle, das sind die anderen

Obwohl Italien in diesem Jahr mit zahlreichen Filmen auf der Berlinale vertreten ist, hat es am Ende nur ein Streifen in den offiziellen Wettbewerb geschafft. Dafür präsentiert sich dem Berliner Publikum mit dem Beitrag "Primo Amore" ein Künstlerteam, das sich bedingungslos den Bildern des Films verschrieben hat. Es sind vor allem die Metaphern und die ruhende Ästhetik langsamer Kamerafahrten, die Regisseur Matteo Garrano zu seinem persönlichen Stilmittel erhoben hat. Für ihn ist die Geschichte lediglich ein Vorwand, um über die Bilder etwas Transzendentales fernab starrer Interpretationen erzählen zu können. "Primo Amore" ist in diesem Sinn vor allem ein künstlerische Artefakt, das anhand der Motive mit der Beobachtung und Aufmerksamkeit des Zuschauers spielt.

Die Story handelt von einer verhängnisvollen Liebe. Vittorio, ein rastloser und unruhiger Mensch, kann die Liebe zu einer Frau nur dann entgegenbringen, wenn sie seinem ästhetischen Ideal extremer Magerkeit entspricht. Im Grunde eine überzeichnete Pathologie, die über Machtbeziehungen in der Liebe spricht. Zu Beginn scheint wie immer noch alles ganz harmlos. Vittorio trifft über ein Blind Date das Model Sonia, eine gestandene Frau, die Ihren Körper gerne präsentiert und nicht selten auch als Aktmodel für Kunstakademien arbeitet. Es ist eine Art geistige Verwandtschaft, die beide sofort verbindet und letztlich dazu führt, dass Sonia bereit ist, alles für die gegenseitige Liebe zu geben. Allein Vittorio verhüllt sich von Beginn an in der psychologischen Ummantelung einer zwielichtigen Gestalt. Er liebt die Einsamkeit und verbirgt sich quasi metaphorisch hinter den strengen Formen eiserner Gitter. 

Das Bild der Frau definiert er zunächst physisch, erst zählt der Körper, dann der Geist. Insofern wird im Laufe der Beziehung das Körpergewicht Sonias wie ein Aktienkurs verhandelt. Maßstab für Liebe und Stolz sind die Prozentpunkte der Abmagerung, bis sich die Grenzen zwischen Schönheit und Magerkeit verwischt haben. Sonia (Michela Cescon) verzichtet im Dienste der Anerkennung in der Folge auf jegliche Nahrung, ein gesundes Leben, schöne Kleider und schließlich auch auf das eigene Glück. Garrano unternimmt dabei vor allem in der Darstellung den Versuch einer deskriptiven Dynamik, die den schleichenden Verlust des Gleichgewichts innerhalb des Paares verdeutlichen soll. Vittorio wird zunehmend zum Despoten und Sonia zu seiner physischen und psychischen Gefangenen. Ein Zustand, der geradezu nach einem Aufschrei und der Rebellion ruft. Sonia spürt gegen Ende die Momente der Erkenntnis, die Ihr Unglück verdeutlichen. Es sind vor allem die Gemälde der Kunststudenten, die sie als magere gezeichnete Frau darstellen. Als letztlich die Schieflage innerhalb der Paargemeinschaft seinen Höhepunkt erreicht, greift Sonia zur Waffe und schlägt Vittorio nieder. Es bleibt offen, wer von beiden das Drama überleben wird.

Garrano zeigt hier keine Pathologie einer Magersucht im eigentlichen Sinne. Es ist rein nüchtern betrachtet, die bedingungslose Liebe einer Frau, die Ihrem Mann gefallen möchte. Jean Paul Sartre kreierte einst den Ausspruch "Die Hölle, das sind die anderen Menschen." Mag sein, dass dieser Aphorismus überzeichnet wirkt, jedoch erklärt er treffend die Mechanismen der Gesellschaft. Alle Maßstäbe sind von Menschen Hand kreiert, damit andere Personen diesen Kriterien entsprechen. Das gilt für Leistungen, Verhaltensweisen und nicht zuletzt auch Schönheitsideale, denen Mann und Frau unterworfen sind. Vor diesem Hintergrund scheint das Drama von Garrano mit einem Mal seine Absurdität zu verlieren. Es dreht sich im Detail um das harmlose Motiv, den Partner ändern zu wollen. Erst als sich die Machtverhältnisse innerhalb der Beziehung verschieben, ist die Eskalation in der Extremierung vorprogrammiert. Vor diesem Hintergrund ist es dem italienischen Regisseur Matteo Garrano in der Tat gelungen, einen Film zu drehen, der heterogener nicht interpretiert werden könnte. Dass vor allem das Skript punktuelle Defizite aufweist, indem es Klischees verarbeitet oder Handlungsstränge verliert, soll im Ergebnis nicht über ein Meisterwerk der Filmkunst hinwegtäuschen. Die Betonung liegt dabei auf dem Terminus Kunst, all dies auf einem innovativen, mutigen und hochästhetischen Niveau.

gesehen von Bogdan Büchner

Cachorro- Auf der Suche nach einem Tabu...

"Cachorro" von dem spanischen Regisseur Miguel Albaladejo ist keine Hochkultur filmischer Finesse. Der Film ist auch kein schwerlastiges Drama mit tiefenpsychologischer Wirkungsbreite. Doch eines ist durchweg unbestritten - es ist ein ehrliches, authentisches Werk, das die festgesetzten Tabus (auch in den Kinosälen) aufbrechen möchte und auf diese Weise eine Lanze für die Aufklärung bricht. Miguel Albaladejo widmet sich in seinem Film, der nicht zu den offiziellen Wettbewerbsbeträgen der Berlinale zählt, dem Thema Homosexualität und dessen Verständnis in der Gesellschaft. Im Mittelpunkt steht Pedro, ein beleibter homosexueller Spanier, wie er von seiner Mentalität her im Buche steht. Er nimmt zu Beginn der Handlung seinen Neffen bei sich auf, da seine Schwester einen Kurztrip nach Indien plant. Als sie jedoch von den indischen Behörden wegen Drogenkonsums für unbestimmte Zeit verhaftet wird, muss Pedro von einem Tag auf den anderen die Rolle des Vaters übernehmen. Von diesem Augenblick an gerät die Welt des gelernten Zahnarztes auf eine sympathische Art und Weise aus den Fugen. 

Doch trotz aller Widrigkeiten ist es aber stets Pedro, der als einziger in der Figurenkonstellation moralisch und menschlich für den jungen Bernardo als Vorbild dienen kann. In diesem Sinne verwachsen Onkel und Neffe im Handlungsverlauf zu einer Einheit, die wertfrei von jeglicher sexueller Orientierung funktioniert. Natürlich werden Pedro im Laufe der Handlung Steine in den Weg gelegt. Da gibt es beispielsweise die Großmutter des Neffen, die dieser funktionierenden Einheit ein Ende setzen möchte und Bernardo in ein bilinguales Internat steckt. Miguel Albaladejo unterbindet vor allem in diesem Zusammenhang keine Gefühlsregung der Figuren und verdeutlicht den Hass der Protagonisten, die Großmutter umbringen zu wollen. Am Ende des Dramas ist schließlich nichts mehr beim Alten. Die Mutter ist noch immer in Haft und die Großmutter an Altersschwäche gestorben. Allein das Verhältnis zwischen Pedro und Bernardo hat allen Widerständen Stand gehalten.

Miguel Albaladejo spielt mit den tradierten Bedenken gegenüber Homosexuellen, er provoziert und löst die Spannung doch in einer natürlichen Hamrlogikeit auf. Auf diese Weise gelingt es ihm, über 90 Minuten eine wechelseitige Dialektik zwischen Moral, Formalität und Vorurteil aufrechtzuerhalten. Kann es denn für das Kind gut sein, mit Kreise Homosexueller aufzuwachsen? Sind Homosexuelle als Väter geeignet? Mit Sicherheit ein großes Fragezeichen in der Gesellschaft, mit dem jedoch Miguel Albaladejo aufräumen möchte. Er demonstriert eine selbstverständliche Erziehung im Umgang mit sexueller Orientierung, die letztlich ein freies Denken fernab der tradierten Vorstellungen ermöglicht. Die sexuelle Orientierung ist in diesem Sinne kein ausschlaggebender Punkt für die erzieherische Qualität eines Menschen. Eine Quintessenz, die im Ergebnis überzeugt, nicht zuletzt durch das wirkungsvoll spanisch emotionale Lokalkolorit, das den Flair südländischer Lebensfreude vermittelt.

gesehen von Bogdan Büchner

Before Sunset

Richard Linklater inszeniert, dechiffriert und ästhetisiert die Geschichte einer ungewöhnlichen Liebe.

Jeder Mensch erlebt einmal in seinem Leben die Begegnungen dieser besonderen Art, bei der alles von vorne herein zu stimmen scheint. Obwohl der Mensch, den man soeben getroffen hat, faktisch ein Fremder ist, entsteht sofort eine intime Vertrautheit, die sonst nur über Jahre wachsen kann. Diese Art der geistigen Übereinkunft erzeugt einfach ein gegenseitiges Glücksgefühl, es macht geradezu süchtig nach noch mehr Gesprächsstoff, um der bisher ungeahnten Ungezwungenheit freien Lauf lassen. Der Regisseur Richard Linklater muss wohl solche Erfahrungen gemacht haben. Bereits 1993 drehte er die Liebesgeschichte "Before Sunrise", eine romantische Begegnung zweier junger Reisender in Wien, die mit eben diesem Charme und Witz inszeniert wurde. "Before Sunset" ist nun der Folgefilm, der im diesen Jahr im Wettbewerb der Berlinale läuft.

Die Geschichte spielt dieses Mal nicht in Wien, sondern in Paris. Céline (Julie Delpy) hat aufgrund des Todes Ihrer Großmutter das vereinbarte Treffen in Wien verpasst und sich auf diese Weise darauf eingestellt, Jesse (Ethan Hawke) nie wieder zu sehen. Neun Jahre nach der ersten Begegnung treffen sie jedoch wieder aufeinander. Jesse ist inzwischen verheiratet und als Schriftsteller tätig. Bei einer Lesung seines neuen Romans, der eben die vergangene Begegnung in Wien verarbeitet, sitzt Céline im Publikum. Als sich beide Blicke zum ersten Mal treffen, wird klar, dass die alte Zuneigung und Anziehungskraft lebendig geworden ist. Jesse hat eigentlich nach der Lesung nur wenig Zeit, sein Flug geht fünf Stunden später und der Chauffeur steht schon bereit. Dennoch er nimmt sich Zeit für Céline, geht mit ihr ins Café, spaziert an der Seine, unternimmt eine Schiffsfahrt, nur um den unvermeidlichen Abschied Stück für Stück aufzuschieben. Die Trennung und die Kürze der verbleibenden Zeit ist jedoch nie eine Last. In unglaublichen Dialogen zelebriert Richard Linklater eine Koloratur aus Leichtigkeit und Unbeschwertheit, wie sie bisher nur selten erreicht wurde. Céline und Jesse sprechen über alles, über die Beziehung zwischen Mann & Frau, Kindheit, Gott, die Liebe, Freunde, Amerika & Frankreich, die Selbständigkeit im Paar oder die Gefühle zueinander. Es ist das ehrlichste, spontanste, was Sprache bieten kann. Céline und Jesse nutzen intensiv die kurze Zeit und vermitteln auf diese Weise nie eine Distanz zueinander. Sie sind bereit, sich gegenseitig zu öffnen, beschreiben auch jene Nacht, die ihr Leben verändert hat. Die gemeinsame Zeit in Wien war, so Céline, derart intensiv, dass sie wie eine Illusion wirkt. Realität und Liebe scheinen seither zwei verschiedene Dinge zu sein. "Die Nacht, die alle Träume verwirklichte, stellte alles Nachfolgende in den Schatten, so dass selbst das Lieben nun langweilig erscheint." Das ist Poesie, wie sie nur das Leben schreiben kann. Der Zuschauer ist während dessen ein stiller Beobachter. Es scheint fast so, als sehe er eine Dokumentation. Richard Linklater hat "Before Sunset" in Echtzeit gedreht. Er verzichtet beinahe vollkommen auf Perspektivwechsel und verfolgt, z.T. über mehrere Minuten, ungeschnitten den fortschreitenden Dialog. Der Fokus liegt bei Linklater allein auf der Sprache und dem Fluss der Dinge, die in keiner Weise vom Wesentlichen ablenken. Céline merkt am Ende an, Jesse werde noch sein Flugzeug verpassen. "I know", gibt er zur Antwort und beschließt damit den Film. Er ist ein Kunstwerk der Stilistik und Dramaturgie und entwickelt dabei die unglaublichte Wirkung einer atmosphärischen Simplizität. Bravo Monsier Linklater.

gesehen von Bogdan Büchner

Die Nacht singt ihre Lieder

Romuald Karmarkars Dialektik des Stillstands

Theaterfreunde kennen den symphatischen und zurückhaltenden Autor Jon Fosse aus Norwegen, der nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt für Fourrore sorgt. Er wird inzwischen in über dreißig Sprachen übersetzt und gilt als der erfolgreichste norwegische Export seit Henrik Ibsen. Er vertritt ein Theater, das zurück zu den minimalistischen und literarischen Grundelementen des darstellerischen Bühnenspiels geht. Es sind Alltagsgeschichten, Paare, Beziehungen, gewöhnliche Menschen, die Fosse in seinen Stücken thematisiert. Vor allem die Dialoge entfalten die Magie des Elementaren, sie nisten sich ein im Kraftfeld der Beziehungen dieser Menschen und verhandeln in einer neuen, puren, hochkonzentrierten Form die fundamentalen Dinge des Lebens wie Wünsche, Liebe oder den Tod. Eigentlich ein ideales Fundament für das Kino, dachte sich auch der Regisseur Romuald Karmakar und verfimte das Fosse Stück "Playwright".

Der Lauf der Handlung ist schnell erklärt. Die jungen Eltern (Er und Sie) sind noch nicht allzu lange verheiratet. Besonders glücklich scheinen sie in ihrer kleinen Familie jedoch nicht zu sein. Er (Frank Giering) ist arbeitslos und weigert sich, das Haus zu verlassen. Sie (Anne Ratte-Polle) langweilt sich während dessen in der häuslichen Enge. Sprachlos, lieblos und reglos leben sie ihr tristes Einsiedlerdasein. Nie kommt jemand auf den Gedanken, die junge Familie besuchen - nur einmal, kurz, schauen die Eltern des jungen Mannes vorbei, um auch gleich wieder zu verschwinden. Die Quintessenz dreht sich um die elementare Frage - wie kann man dieser lähmenden Atmosphäre entkommen? Woher die Kraft nehmen, um das Schweigen und die Starre zu durchbrechen?

Karmakar hat den Fosse Text sehr genau in das Drehbuch übertragen. Er läßt sich auf die Nüchternheit der Dialoge ein und zellebriert damit einen Kaltstart für das verwunderte Publikum. Die Schauspieler sezieren förmlich ihre Dialogpartien. Es ist ein trockenes, langsames, grausames, munitiöses Sprechen, das genauso gut in die Beckett Stücke eingearbeitet werden könnte. Die Sprache dupliziert alles, die Handlungen, die Gegenstände, die Gedanken, die Gefühle. In der Folge wirkt das Gesamtwerk wie ein sprachlich zerstückelter Flickenteppich. Ständig kreist die Rede um die gleichen Wendungen, bei der selbst Frage und Antwort in keinem semantischen Sinnzusammenhang mehr stehen. "Man kann doch nicht die ganze Zeit rumsitzen...Geh doch mal einkaufen....Ich bin müde. Ich muss mal raus hier, du verstehst das doch." Fosse demonstriert mit dieser Künstlichkeit die unerträgliche Lithargie der Figuren. Vor allem die synthesefreie Dialektik denotiert die gemeinsame Wohnung als Elfenbeinturm des Stillstands innerhalb der gesellschaftlichen Dynamik. Das pulsierende Leben findet woanders, außerhalb der Enklave statt. Allein Sie hat wenigstens den Elan, aus dem tristen Nebeneinander zu flüchten und den Spaß des Lebens einzufangen. Karmakar unterlegt diese Szenen außerhalb der Wohnung stets mit Musik und entfaltet damit endlich ein künstlerisches Prinzip, das dem Medium Film auch gerecht wird. Leider blieb dies der einzige Kunstgriff im gesamten Film. Die übrigen neunzig Minuten waren eine schwere Geduldsprobe mit einer Mischung aus Eintönigkeit, sinnentleerter theatralischer Sprechweise und Trägheit. Irgendwann kam der Punkt, als es dem Publikum reichte und es den Schauspielern nichts mehr glaubte.

Man kann Romuald Karmakar nicht den Vorwurf machen, er hätte sich über die Regie keine Gedanken gemacht. Im Gegenteil, er sieht sich als Pionier einer neuen Sprache im deutschen Kino, die vor allem einen Gegensatz zu den amerikanischen Produktionen bilden soll. "Das Kino von Opa ist wieder da, nur mit Regisseuren meines Alters", so Karmakar bei der Pressekonferenz. Von dem Erbe Schlöndorffs und Fassbinders ist allerdings wenig zu sehen. Der Regisseur liefert über neunzig Minuten reines abgefilmtes Theater. Alle revolutionären Ambitionen in Ehren, Karmakar hat unterschätzt, dass insbesondere die Stücke Jon Fosses von der Präsenz des genialen Schauspielers leben. Kein anderes Medium kann im Spiel die Beziehungen zwischen den Menschen deutlicher zeigen, als das Theater. Vor allem Jon Fosses schwerwiegende und nüchterne Dialoge verlagen eine Lebendigkeit, die durch den physischen Schauspieler an der Rampe getragen wird. Eine Leinwand kann dies nie kompensieren. Dies ist kein Plädoyer für die strikte Trennung von Film und Theater, jedoch wurden Karmakar die Grenzen einer intermedialen Adaption aufgezeigt. Wenn dann, wie gegen Ende des Filmes, dann plötzlich auch noch filmisches Pathos bei den Figuren hinzukommt, braucht sich die Regie nicht über allgemeines Gelächter im Zuschauersaal zu wundern. Zu Recht - es ist das Resultat einer heterogenen Regiearbeit, die an die Unentschlossenheit der Figuren erschreckend nah heranreicht.

gesehen von Bogdan Büchner

Zwischen Nacht und Tag

Perspektive Deutsches Kino, von Nicolai Rohde

Ein Film zum Heulen! Nein, er ist nicht sooo traurig oder so schlecht, er ist einfach nur so schön, dass man eigentlich heulen müsste. Der Film handelt von einem ganz normalen Typ, der eine Wohnung, eine Freundin, die Bauingenieurin ist und einen Job als U-Bahn-Fahrer hat. Der Name des ganz normalen Typen ist Achim. Achim führt ein ganz normales Leben, bis er eines Tages in eine U-Bahn-Station einfährt und eine junge Frau vor seinen Zug springt. Für einen kurzen Moment treffen sich ihre Augen und von da an kann Achim, traumatisiert von dem Ereignis, ihr Gesicht nicht mehr loswerden. Seine Zukunftspläne mit seiner Freundin kollabieren, er zieht sich völlig in Schuldgefühle zurück, hat Angstattacken und wird übersensitiv Geräuschen und Licht gegenüber. Er beginnt sie zu sehen, baut eine Beziehung zu ihr auf, frühstückt und unternimmt sogar lange Autofahrten mit ihr. Als Zuschauer wünscht man sich, dass sie noch lebt, und dass dies nicht alles nur in der Einbildung von ihm geschieht. ‚Wo findet man noch so ein perfektes Paar im Leben?' Man leidet mit ihm mit, Emotionen kommen hoch ohne es zu wollen. 

Das wunderbar melancholische Drehbuch von Hannes Klug und Nicolai Rohde ist mit Sätzen, wie "Die Selbsttötung, die Sie schuldlos verursacht haben" gespickt, was einem trotz der traurigen Geschichte immer wieder ein Schmunzeln auf die Lippen zaubert, und im Ganzen perfekt umgesetzt. Der Kameramann Hannes Hubach spielt mit allen Elementen, wie Zoom, Kamerafahrten, Zeitlupen, high-angle-shots und Nahaufnahmen, wodurch, mit der Einsetzung des Lichts und Toneffekten, wunderbare Bilder erschaffen werden. Fast kein Bild ist nichts Besonderes und dabei wirkt der Film nicht überladen davon. Auch dadurch gerät man mitten in die Gefühlswelt des Filmes und ist nicht in der Lage sich dem zu entziehen. 

Die Hauptrollen werden von Nicolette Krebitz ("Bandits"), als die Selbstmörderin Vera, und Richy Müller ("Fandango"), als Achim, übernommen. Was soll ich sagen, aber jemanden besseres hätte man sich nicht vorstellen können. Ich fahr jetzt nach Hause, mit der U-Bahn, und muss besonders den Schluss noch einmal genau überdenken. Mehr solcher Filme im deutschen Kino!!

gesehen von Kathrin Metzner

Feux Rouges- Jenseits von Gut und Böse

Cédric Kahn persifliert in "Feux Rouges" (Schlusslichter) die Ernsthaftigkeit eines Trillers

Extremsituationen können von einem Augenblick auf den anderen das Leben vieler Personen verändern. Es sind absolute Erfahrungen, die Menschen aneinander binden meist für ein Leben lang. Vielleicht ist dies auch der Grund, weshalb sich der Film so gern dieser Thematik annimmt. Der Franzose Cédric Kahn hat jedenfalls bei seinem aktuellen Projekt "Schlusslichter" auf einen Roman von Georges Simenon aus dem Jahre 1953 zurückgegriffen. Es ist ein Triller, der die Ehe eines krisengeschüttelten Paares auf die Probe stellt.

Da ist zunächst Antoine. Ein Versicherungsvertreter, der jeden Tag den gleichen tristen Alltag durchlaufen muss und nichts mehr Außergewöhnliches vom Leben zu erwarten hat. Beinahe schleichend hat er sich somit zur Gewohnheit gemacht, Whiskey zu trinken, am besten einen doppelten. Es ist keine Alkoholsucht, aber ein Ritual als Belohung für den überstandenen Tag. Dessen Frau Hèléne ist dagegen Rechtsanwältin, erlebt jeden Tag Neues, geht auf Reisen und verdient mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr Geld als Ihr Mann. Das schlägt natürlich auf das Ego von Antoine. Er fühlt sich unwohl, ist schnell gereizt, so dass die Ehe zwischen beiden Protagonisten kein Füreinander mehr bereit hält. Gegen Ende der Sommerferien fährt das Ehepaar mit dem Auto in den Südosten Frankreichs, um seine Kinder aus dem Ferienlager abzuholen. Entlang des Wegs macht Antoine immer wieder Halt, um sich in den Kneipen zu betrinken. Hèléne wird dies alles zu viel. Sie setzt sich ab, um mit dem Zug die Reise fortzusetzen. Antoine, der das Verschwinden seiner Frau nach langer Suche nicht fassen kann, beschließt, sich in einer Bahnhofskneipe zu betrinken. Kahn illustriert vor allem in diesen Szenen die primären Probleme der Ehe. Erst wenn Antoine allein ist, kann er sich entfalten und befreien von der Last seines selbstauferlegten Korsetts. Leider spricht er in diesem angetrunkenen Elan einen entflohenen Gefängnisinsassen an und nimmt diesen auch noch in seinem Wagen mit. Was nun folgt, ist die ironischste und zugleich stärkste Sequenz in Kahns Film "Schlusslichter." Statt ein eindeutiges Bild zwischen Opfer und Täter zu zeichnen, verwischt der Regisseur tragisch-komisch die Grenzen. Man muss sich beinahe mehr Sorgen um den Flüchtling machen, an Anbetracht dessen, wie Antoine im betrunkenen Zustand fährt. Als dann auch noch ein Reifen platzt und der Häftling die ganze Arbeit erledigen muss, ist die Groteske auf den Kopf gestellt. Antoine beweist dennoch irgendwann Scharfsinn, er weiß, dass er einen Schwerverbrecher im Wagen hat und kann diesen sogar in einem Waldstück überwältigen.

Erst am nächsten Morgen kann er wieder klar denken. Sein Wagen steht am Straßenrand, vom Flüchtling ist nichts zu sehen und auch die Umgebung ist ihm komplett unbekannt. Als er sich schließlich per Telefon auf die Suche nach seiner Frau macht, erfährt er, dass eben dieser Häftling, den Antoine so bereitwillig aufgenommen hat, kurz zuvor Hèléne überfallen und schwer verletzt hat. Völlig unabhängig voneinander hat der Kriminelle die Wege beider Ehepartner gekreuzt und die Geschichte für beide Beteiligte in einem Alptraum enden lassen. Dieser Alptraum kann jedoch auch der Neuanfang einer Ehe sein, so die intendierte Hoffnung des Regisseurs. Wann, wenn nicht in dieser Situation, haben beide Ehepartner durch die Willenkraft, füreinander zu kämpfen, Ihre gegenseitige Liebe bewiesen. Cédric Kahn hat "Schlusslichter" mit großem psychologischen Interesse, viel Charme, tragik-komischer Ironie und Liebe in Szene gesetzt. Es ist ein ungewöhnlicher Krimi entstanden, an den man eine Weile gern zurück denkt. Er wird es aber im Wettbewerbsprogramm der Berlinale in diesem Jahr nicht leicht haben, sich zu behaupten.

gesehen von Bogdan Büchner am 10.02.2004

Zwischen Charme und Grausamkeit

Fatih Akins bisher persönlichster Film "Gegen die Wand"

Am Donnerstag lief im Berlinale Palast nun auch der zweite deutsche Wettbewerbsbeitrag "Gegen die Wand" und erntete dabei viel Applaus. Es ist wohl die persönlichste Arbeit des Regisseurs Fatih Akin, der bereits mit "Kurz und schmerzlos", "Im Juli" und "Solino" national und intertnational auf sich Aufmerksam gemacht hat. "Gegen die Wand" ist das Werk eines Menschen, der zwischen zwei Kulturen aufgewachsen ist und das Multikulturelle nicht als Abgrenzung, sondern als Selbstverständnis betrachtet. Sein Anliegen ist es, Klischees im internationalen Umgang abzubauen und eine größtmögliche Schnittmenge aus der deutscher, türkischer und deutsch-türkischer Sichtweise zu erzeugen. Eine Gratwanderung, die wahrscheinlich nur Fatih Akin ohne Klischeedarstellung gelingen kann und die im Film vor allem anhand dreier Sprachen (deutsch, türkisch, englisch) mehr als nur glaubhaft tranportiert wird.

In "Gegen die Wand" thematisiert Akin die Depression in Deutschland lebender Türken in der zweiten Generation. Cahit (Birol Ünel) und Sibel (Sibel Kekilli) treffen sich in der Psychiatrie. Er hat seinen Ford Granada vor die Wand gefahren, weil er lebensmüde ist, sie hat sich die Pulsadern aufgeschnitten, weil sie aus den Zwängen ihrer traditionsbewußten Familie entfliehen will. Allein in einer Scheinheirat sieht sie die Chance, ihrer streng gläubigen Familie zu entkommen. Aus diesem Grund arrangiert sie sich mit dem verwahrlosten Cahit und heiratet ihn. Beide teilen sich fortan eine Wohnung, doch jeder lebt sein Leben voller Drogen und Affären weiter. Auf den ersten Blick ist dies eine reine nüchterne Zweckgemeinschaft. Doch Akin interessiert die verborgene Tiefe hinter solchen Begegnungen. Er verzichtet auf das Klischee eines bloßen, desinteressierten Nebeneinanders innerhalb einer Zweckgemeinschaft. Cahit und Sibel begegnen sich emotional, nehmen Anteil am Leben des anderen und verbringen nicht selten die Abende miteinander. Dies führt letztlich dazu, daß Cahit seine Frau mit anderen Augen zu sehen beginnt. Er wird umgänglicher, beginnt, auf sein Äußeres zu achten, statt wie früher sinnlos mit Platzpatronen auf Dosenbier zu schießen. Letztlich kann auch Sibel ihren unbewußten Gefühlen für Cahit nicht widerstehen, doch sie zieht eindeutige Grenzen. "Wenn wir jetzt miteinander schlafen, dann sind wir wirklich wie verheiratet".

Die Wendung für das junge Glück bringt natürlich der traditionelle und gesellschaftliche Druck auf die Paargemeinschaft. Es spricht sich herum, daß Sibel gern ohne ihren Ehemann ausgeht und Affären haben soll. Als dann schließlich ein enttäuschter Liebhaber Sibels Cahit provoziert, erschlägt er ihn im Affekt und zerstört zugleich die noch junge Ehe. Sibel wird verstoßen, Cahit geht für fünf Jahre ins Gefängnis. Mit dem Versprechen, auf ihn zu warten, geht Sibel daraufhin nach Istanbul. Doch auch in ihrem vermeidlichen Heimatland fühlt sie sich ausgegrenzt, fast so wie ein Ausländer. Das exsessive und liberale Leben wie in Deutschland erzeugt in der Türkei nur noch mehr Probleme.

Fünf Jahre vergehen. Nach der Haft reist Cahit zu seiner Frau nach Istanbul. Noch einmal möchte er sie sehen in dem Glauben, als könnte alles noch einmal anfangen. Doch weit gefehlt. Er verabredet sich mit Sibel am Busbahnhof, um mit ihr nach Deutschland zurückzukehren. Es wird das letzte Treffen für immer sein.

"Gegen die Wand" ist ein wunderbares Melodram und hat beinahe genau jene Direktheit und Vertrautheit wie Richard Linklaters "Before Sunset". Allein der Schluss, wirkt etwas lieblos abgefilmt, ohne den bisher so prägnanten Flair zu versprühen. Doch dies soll nicht über die Offenheit hinwegtäuschen, mit der Akin die Zerrissenheit und die Entscheidungsqualen der Figuren illustriert. "Gegen die Wand" ist ein spannender wie eindringlicher Film. Es ist mehr als nur eine Liebesgeschichte, es zeigt auch das Leben zwischen zwei Kulturen, geprägt von Gewalt, Selbstzerstörung und den Schwierigkeiten, einem scheinbar vorgezeichneten Schicksal zu entkommen.

gesehen von Bogdan Büchner am 12.02.2004 im Berlinale Palast Berlin

"Je größer die Angst, desto größer auch der Mut"

Andreas Veiel dokumentiert mit dem Film "Die Spielwütigen" vier Geschichten zwischen Erfolg und Leid.

Das Zeitalter der Superstars hält für junge Talente so ziemlich alle Illusionen bereit. Berühmt werden über Nacht, das ist inzwischen durch die Macht der medialen Gewalt kein Problem mehr. Deutschland sucht den Superstar und Co. haben dies eindrucksvoll demonstriert. Die Kehrseite der Medaille, namentlich die Kurzlebigkeit des Erfolgs, wird allerdings im Blitzlichtgewitter der geballten Aufmerksamkeit schnell verdrängt. Es sind künstliche Karrieren, die weder durch Eigeninitiative, noch durch jahreslanges Durchsetzungsvermögen gewachsen sind. Es gibt sie allerdings noch die leidenschaftlichen Kämpfer, die Obsession und Leidenschaft Ihres Berufes spürbar machen. Andreas Veiel hat bei seiner Langzeitstudie "Die Spielwütigen" vier Beispiele hierfür entdeckt. Entstanden ist ein Dokumentarfilm über die Ernst-Busch Schauspielschule und den Weg von vier Persönlichkeiten ins Schauspielfach. Andreas Veiel nimmt sich vor allem zu Beginn viel Zeit für die Motive seiner Protagonisten. "Es gibt keine Grenzen der Schauspielerei. Warum soll es für das Schauspiel eine tiefere Grenze geben, als für das Leben ... Für mich ist Leben Kunst, ich wollte schon immer Schauspielerin werden." Im Kontrapunkt dazu die Realität und die Grausamkeit des Vorsprechens für die öffentlichen Schauspielschulen. Es ist eine Auslese, die nicht selten durch eine Kombination aus intuitiven Handeln, der Tagesform und viel Glück geprägt ist. Doch auch wer das Privileg hat, aufgenommen zu werden, bekommt schnell die Schattenseiten der Bühnenkunst im Lehrbetrieb zu spüren. Vor allem der sympathische Grieche Prodromos Antoniadis hat große Probleme, sich den Regeln der Schauspielschule anzupassen. "Es ist ein Existenzkampf auf der Schule zu sein, ein Stück Stolz und Würde, werden abgekratzt. Die Professoren haben es geschafft, mich zu verunsichern."

Veiel gelingt es auf eine besondere Art und Weise, den Zuschauer emotional an die Protagonisten zu binden. Es mag wohl daran liegen, dass er nie den Blick für das Persönliche und Emotionale bei den Studenten verliert. Zugleich vermischt sich mit der angestrengten Anspannung stets auch eine unglaubliche Komik. Auch hierfür ist der Schauspielstudent Prodromos Antoniadis beispielhaft. Er beschließt nach Abschluss seines Studiums nach Amerika zu gehen, um dort als Darsteller zu arbeiten. Völlig unvorbereitet, in einem billigen Büro sitzend, wird er allerdings nur ausgelacht. "Glauben Sie, New York braucht Schauspieler. Wenn überhaupt, dann sollten Sie einen Russen spielen", so die einhellige Meinung beim Casting. Doch vor allem diese Unbedarftheit, die Fehler und Leiden der Schauspieler machen den Dokumentarfilm zu einem emotionalen Highlight, bei dem man sich wünschte, die Vorführung würde immer weiter gehen. Die Stärke des Filmes ist das tiefgründige Interesse, was hinter den Menschen steht. Nicht die Karriere, sondern die emotionale Entwicklung steht im Mittelpunkt der Langzeitstudie.

Veiel zeigt mit "Die Spielwütigen" was der Begriff Elite in der Realität bedeutet. Jeder Student hat es sich zur Pflicht zu machen, den Namen der Schule würdig zu vertreten. Dies impliziert jedoch auch eine schonungslose Darstellung, was fernab des Glamours von Morgen geleistet werden muss. Constanze, Stephanie, Karina und Prodromos haben einen steinigen Weg in eine ungewisse Zukunft gewählt. Es sind Menschen mit Entschlusskraft, die eine kompromisslose Unbedingtheit an den Tag legen. Dies allein sind die Voraussetzung für Erfolg und Anerkennung, unabhängig von dem Studium an einer renommierten Schauspielschule.

gesehen von Bogdan Büchner am 12.02.2004

 

Ae fond Kiss

Gesehen von Bogdan Büchner

 

End of the Century - The Story of the Ramones

von Jim Fields, Michael Gramaglia

Gesehen von Stefan Banas

 

Beautiful Country

von Hans Petter Moland

Binh lebt in seiner eigenen Verwandtschaft in Vietnam wie ein Aussätziger. Seine Mutter musste aus Scham wegziehen, weil sie einen amerikanischen Soldaten geheiratet hatte und mit ihm Binh bekam. Sein Vater, ein GI während des Vietnam Krieges, verschwand einfach ohne jegliche Spur und kehrte niemals zu seiner Frau und seinem kleinen Sohn zurück. Als Binh aus seinem ‚Zuhause' rausfliegt, zieht er los seine Eltern und damit seine wahre Identität zu suchen. In ‚der großen Stadt' findet er seine Mutter, die unter sklavenartigen Umständen in einem reichen Haushalt arbeitet. Mit ihr lebt sein kleiner Stiefbruder, dessen Vater der reiche Hausherr ist. Binh fängt an ihrer Seite  zu arbeiten. Nach einem tragischen Unfall muss er jedoch mit seinem kleinen Bruder Pam fliehen. Er entscheidet sich mit ihm die lange, beschwerliche Reise in die USA anzutreten. Von einem gekenterten Flüchtlingsboot an einem Strand gerettet, landen die Brüder in einem Auffangcamp in Malaysia. Mit Hilfe der jungen Chinesin Mai gelingt es ihnen jedoch zu fliehen und erneut versuchen sie, nur mit einem alten Bild von seinem Vater und einer Adresse in Texas, mit einem Schiff in die USA zu gelangen. Auf der harten Überfahrt, zusammengepfercht im Rumpf des Schiffes, ohne genügend Wasser und Nahrung stirbt Pam in den Armen seines Bruders. Schließlich erreichen Binh und Mai, zwischen denen sich ein dünnes Band der Liebe geknüpft hat, New York, wo sie allerdings erst noch ihre ‚Überfahrtskosten' abarbeiten müssen. Mai endet als Prostituierte, Binh als Aushilfe in einem chinesischen Restaurant. Als ihre Liebe an den neuen Lebensumständen zerbricht,  und Binh erkennt, dass das Leben im ‚beautiful country Amerika' nicht viel besser ist als das in Vietnam, bechliest er endlich die Suche nach seinem Vater fortzusetzen. Er flieht erneut aus der Unterdrückung und macht sich auf den Weg nach Texas. Nach langer Suche findet er seinen blinden Vater und schließlich auch sein Glück als ‚Cowboy' auf einer Farm, wo er für den Besitzer an der Seite seines Vaters arbeitet. 

Nachdem beide Länder, Vietnam und die USA, von ihren schönsten und schlimmsten Seiten gezeigt wurden, fragt man sich, welches Land ist eigentlich im Titel gemeint. Amerika? Das Land der Träume, wo Binh unbedingt hin will, weil er sich da ein besseres Leben erhofft, weil da sein Vater wohnt? Oder Vietnam? Seine Heimat, wo er seine Wurzeln hat? In beiden Ländern wird Binh aber nie zu Hause sein. Er ist vielmehr eine Verbindung, die von beiden Seiten nicht akzeptiert und die nirgendwo eine Heimat finden wird, was sich schließlich zum tragischen Thema des Filmes entwickelt. 

Der Film besticht durch seine Bilder, die beide Länder in all ihren Kontrasten portraitieren. Die Handlung ist sehr lang, wird aber nie langweilig, weil man sich mit den Charakteren verbunden fühlt und mit ihnen mit leidet. Einzig der Schnitt ist etwas unregelmäßig. Öfters hat man das Gefühl, dass etwas fehlt, dass dem Zuschauer Bilder vorenthalten wurden, oder dass man sie einfach heraus kürzte. Man braucht manchmal einen Moment, um die Handlung zu rekapitulieren und mit dem neu gesehenen zusammen zu fügen, wodurch der Fluss der Geschichte unterbrochen wird. 

"Beautiful Country" erzählt eine Geschichte in teilweise schonungslosen Bildern, die die Abgründe der Menschheit offenbaren. Im Mittelpunkt steht das Schicksal eines heimatlosen Menschen, der sich trotz allen Widrigkeiten immer wieder aufrafft und sein Ziel verfolgt und am Ende vielleicht eine Art Glück im Unglück findet. So etwas bekommt man so nicht oft, gar nicht und überhaupt viel zu selten zu sehen. Ob nun in Amerika oder Vietnam, es könnte überall so sein. Toller Film!

gesehen von Kathrin Metzner

The Final Cut

Robin Williams als 'das tapfere Schneiderlein' in einem Film von Omar Naim

Schon der Vorspann ist geheimnisvoll und verspricht einen mysteriösen, sehenswerten Film. Nicht wissend, was man da eigentlich sieht, erscheinen unscharfe, verwackelte, hautfarbene Bilder auf der Leinwand, dazu werden die normalen Credits eingespielt, die sich dann im Hintergrund langsam auflösen. Kurz darauf hört man Geräusche, Stimmen, die Bilder werden klarer, man erkennt Gesichter und wird sich plötzlich bewusst, was man da gerade gesehen hat: den Weg durch den Geburtskanal aus der Sicht des Babys, die ersten Momente im Leben eines Kindes. 

Die Eltern dieses Kindes sind auf den neusten Trend eingestiegen. Die Firma Eye Tech hat einen Chip entwickelt, den man Nachkommen zahlungskräftiger Eltern in aller Frühe implantiert, dann wächst der Chip immer mit, verhält sich ganz und gar unauffällig und zeichnet ein Leben lang alles auf, was die Person hört und zieht, ob sie nun auf dem Klo sitzt, Sex hat, schläft oder sich in der Nase bohrt. Nach deren Tod wird der Chip entfernt und ein Film mit den ‚schönsten Momenten' im Leben dieser Person geschnitten, damit die Verwanden sich auch in hundert Jahren noch an diesen Vorfahren erinnern können. Unsterblichkeit! Nur die Person selbst hat nichts davon. Was die Angehörigen des Dahingegangenen auf der "Rückerinnerungs-Totenfeier" zu sehen bekommen, geht dann auch niemals über den Level eines Familienfotoalbums hinaus, wobei man doch vermuten könnte, dass gerade die kamerafernen Momente eingefangen werden. Aber nimmt man ein 80jähriges Leben, aus dem ein 60 min Film gemacht wird, was kann man da erwarten? Genau diesen Beruf, den Cutter, den Mitwisser aller menschlichen Abgründe, übt Alan Hakman (gespielt von Robin Williams) aus, wobei er die härtesten Aufträge übernimmt. Seine Welt ist die Welt der Toten und er schneidet alles Böse, alles Gemeine daraus weg, nicht weil er ein Heuchler, und nicht nur weil er ein, wie er sich selbst bezeichnet "Totenbrotesser" ist, sondern, weil er eine Tat, die in seiner Kindheit liegt, verdrängen will, von der er ständig von gejagt wird. Der Supercutter glaubt nämlich, am tödlichen Unfall eines Spielkameraden Schuld zu sein. Jeden Moment seines Lebens leidet dieser wortkarge Mann nun an sich selbst. Er versucht den Menschen für ihre grausamen Taten zu vergeben und schneidet so allen fiesen Typen, vor allem den wirklich fiesen, ein schönes, schuldloses Leben, weil er sich selbst nicht vergeben kann. Hakman übernimmt alle Sünden der anderen. High Tech macht's möglich. Ihm gegenüber steht eine Gruppe von Demonstranten. Unter dem Motto: "Remember for yourself" demonstrieren sie angeführt von dem ehemaligen Cutter Fletcher (Jim Caviezel) gegen die eingebauten Chips. Menschen werden unwissentlich gefilmt von ihrem Gegenüber, Gedanken werden manipuliert, jeder erinnert für sich selbst, und das ist oftmals anders, als es wirklich war, die herausgenommen Szenen waren vielleicht gar nicht die wichtigsten in dem Leben des jeweiligen Menschen…., all diese Argumente werden gegen die neue Technologie vorgebracht. Der neuste Auftrag von Alan ist ‚das Leben' von einem der Mitbegründer von Eye Tech. Auch diesem fiesen Typen soll Hakman ein schönes Leben schneiden. Doch die Gegenseite will seine Erinnerung als Mittel gegen die Firma, da man glaubt, dass bei den Geschäften einiges faul ist. Die Geschichte strebt dem Höhepunkt entgegen, als Alan herausfindet, dass er selbst einen Chip hat, was gegen den Code der Cutter verstößt. Als auch noch der Chip des Eye Tech Mitbegründers zerstört wird, ist man plötzlich hinter Alan her, weil er bereits dessen Leben gesichtet hat und dies nun auf seinem eigenen Chip gespeichert ist. Er gerät in Lebensgefahr. 

Optisch gesehen ist alles solides Handwerk. Die Ausstattung hat ganze Arbeit geleistet. Alans Leben als ‚Scheintoter' spiegelt sich in seiner Wohnung wieder, die aussieht wie eine Aufbahrungshalle in der eigentlich nur noch der Sarg fehlt. Vor allem seine junge Freundin, gespielt von Mira Sorvino, wobei man sich ständig fragt, was sie eigentlich an Robin Williams findet, leidet darunter und läuft regelmäßig weg. Besonders mit den Bildern wird viel experimentiert. Die Erinnerungen sind begrenzte, verwackelte Bilder, ganz anders als wenn man normal gerade ausschaut. Man fragt sich wer so mit den Augen auf durchs Leben geht. Oftmals werden Splitscreens eingesetzt, während Hakman am Schneidetisch an den Erinnerungsfilmen arbeitet, wobei sich das Bild bis in neun kleinere unterteilt. Nur als er mit seinen Schneidetisch in den Erinnerungen quasi versinkt, wirkt das etwas übertrieben. Grundsätzlich eine tolle Idee, die einen tollen Film hätte ergeben können, wäre nur das Drehbuch etwas ausgereifter gewesen.

gesehen von Kathrin Metzner

 

Flammend Herz

Perspektive Deutsches Kino, von Andrea Schuler und Oliver Ruts

Gesehen von Kathrin Metzner

 

freedom2speak v2.0 

von Marcus C. M. Schmidt, Christoph Gampl, Brigitte Kramer, Marc Meyer, Uwe Nagel

FREEDOM2SPEAK V2.0 hatte seine Anfänge auf der Berlinale letzten Jahres, als die USA kurz davor stand den Krieg gegen den Irak zu beginnen. Die drohenden Auseinandersetzungen wurden überall zum Gesprächsthema und so begannen fünf deutsche Regisseure ohne richtigen Plan, vor allem Prominente um ihre Meinung zu bitten. Interviews wurden geführt und "Speaker-Corners" eingerichtet, wo jeder frei seine Meinung äußern konnte. Und die Menschen taten es. George Clooney, Minnie Driver, Heino Ferch, Volker Schlöndorf … alle gaben sie Statements ab, äußerten Hoffnungen und diskutierten. Da so ein Interesse zu bestehen schien, wurde das Projekt in Istanbul und in Cannes auf den Filmfestivals fortgesetzt. 

Insgesamt entstanden rund fünfzig Sunden Filmmaterial, aus denen dann die besten Statements (man war erstaunt über sachliche Meinungen und Schlussfolgerungen mancher Filmschaffender) ausgesucht und mit Archivmaterial aus den Nachrichten, kleinen Animationen, ironischen Filmchen und Reden von Politikern zusammen geschnitten wurden. Es ist eindeutig zu erkennen, welche Meinung die Mehrheit hatte und dass die Regisseure wohl damit übereinstimmten: No War! Die Gegenseite war nicht sehr oft vertreten und wenn dann so ausgesucht oder platziert, dass man darüber lachen musste. (u.a. der britische Regisseur Alan Parker: "Germany shouldn't worry, Great Britain will take care of it!") Aber dies kann man den Regisseuren nicht übel nehmen. Es sollte keine Reportage werden, wo beide Meinungen sachlich präsentiert werden, sondern vielmehr ein leicht ironisches Statement gegen den Krieg und im gewissen Sinne auch gegen die USA. So berichteten Kinder als Nachrichtensprecher in ihrer kindlichen Art von einer amerikanischen Bombe die "aus Versehen" einen Kindergarten traf. Es machte einen traurig, aber die direkte Art und die Themen, die die Kinder interessierten, wie zum Beispiel was den Kuscheltieren passiert ist, ließen einen doch auch Lächeln. Reden von Bush wurden anders zusammen geschnitten, so dass die "wahren Intentionen" des Präsidenten bekannt wurden: Öl und Macht. Die Karten, die die USA als Beweis vorlegten und mit kleinen Pfeilen versahen um die UN von der Existenz von Massenvernichtungswaffen zu überzeugen, waren plötzlich nicht mehr Karten vom Irak, sondern von Berlin, vom Potsdamer Platz. Als Publikum sah man kaum einen Unterschied und merkte wie leicht man eigentlich jeden ‚Scheiß' in den Nachrichten und der von Politikern kommt, glaubt. Die Berichterstattung von CNN und Co. wurde vorgeführt. Man ging sogar soweit davon zu sprechen, dass der teuerste Spielfilm am Abend die Nachrichten seien. Editing ist Macht, waren sich die Regisseure einig und wenn die Nachrichten das Medium Film benutzen um die Menschen zu manipulieren, warum sollte man dann nicht mit den gleichen Waffen arbeiten um genau das Gegenteil zu tun. Ein gelungener Dokumentationsfilm über die Macht der Medien in den heutigen Zeiten.

gesehen von Kathrin Metzner

Gettin' the man's foot outta your baadassss! 

von Mario Van Peebles

"Good things can not come to those who wait!"

Ok, ich versuch das jetzt mal kurz zusammen zu fassen: Der Regisseur Mario Van Peeples hat einen Film gemacht, über den Filmdreh eines Films, den sein Vater in den Siebzigern gedreht hat, worin der Vater die Hauptrolle gespielt, und Mario die Figur seines Vaters als Kind dargestellt hat. In dem jetzigen Film spielt Mario seinen Vater, da der Film über den Filmdreh ist! Verstanden? Nein? Macht nichts! Eigentlich ist es ja auch einfacher. 

Der Film spielt in den Siebzigern, als der erste anerkannte schwarze Regisseur Melvin Van Peeples nach "Watermelon Man" entgegen der Wünsche des Studios, die eine Komödie verlangten, einen ganz und gar nicht komischen Film über das Leben eines ‚stolzen, schwarzen Motherfuckers' machte. Nicht komisch? Kein Geld! Das Studio zog sich zurück, sein Agent wurde wahnsinnig und er drehte den Film mit Filmleuten aus dem Pornogeschäft, der Band von dem Freund seiner Sekretärin, mit einem Fleischräuscherer, mit einem Hippie als Produzenten, mit sich in der Hauptrolle, mit seinen Kinder und mit einem minimalen Budget, dass von Tag zu Tag kleiner wurde, gemäß dem Motto: "Nothing revolutionary comes from the studios, it comes from the independents". Er nahm alles und jedem, der für kein Geld zu haben war. Alles ging schief, Darsteller sagten ab, die Crew landete im Gefängnis, die Ausrüstung wurde beschlagnahmt, es gab keinen Abnehmer, eine geladene Waffe landet in der Requisitenbox, seine Geldgeber drohten ihn umzubringen, nur zwei Kinos in den gesamten Vereinigten Staaten wollen seinen Film zeigen … Doch Melvin ging über Leichen, wurde fast blind auf einem Auge, opferte seine Crew und seine Familie. Er lies sogar seinen zwölfjährigen Sohn eine Sexszene drehen. Und alles nur, weil er endlich einen Film im Kino haben wollte, aus dem die schwarze Bevölkerung mit erhoben Kopf aus dem Kinosaal kommen konnte. 

Nennt mich verrückt, aber es hat geklappt, und was noch verrückter ist, dies ist eine wahre Geschichte und der Film "Sweet Sweetback's Baadassss Song" von Melvin Van Peeples wurde 1971 der erfolgreichste Independent-Film in den USA. Und genau diese Geschichte hat jetzt sein Sohn Mario Van Peeples, mit sich in der Hauptrolle als sein Vater verfilmt. Abgesehen von der interessanten Story, hat der Film noch einiges mehr zu bieten: tolle Musik, übereinstimmend mit dem Editing, experimentelle Szenen, wie bei der Drehbuchentwicklung, als der Hauptdarsteller vor einem Spiegel steht und seine Gedanken darin plötzlich sichtbar werden und er sich darin bewegen kann. Kommentare von den Beteiligten werden eingespielt und er endet mit kurzen Statements, der Originalcrew, durch die man sich sogar den Abspann anschaut. Der Titel hält, was er verspricht. ‚Abso-fucking-lutly' (Zitat aus Film) anschauen!

gesehen von Kathrin Metzner

Monster 

"Where there is life, there is hope! - They gotta tell you something!"

Der Film beginnt märchenhaft: Es war einmal ein kleines Mädchen namens Aileen mit großen Träumen … doch das war auch schon das einzige. Nur ein paar Einstellungen später wird das Märchen für das kleine Mädchen, wie auch für das Publikum zerstört. Man sieht es nicht, man kann es nur erahnen, durch die Bilder, die durch die Off-Stimme in unseren Gedanken entstehen. Der Film ist eine wahre Geschichte, basierend auf dem Leben von Aileen Wuornos, einer Autobahnprostituierten und Mörderin in den USA - das "Monster", wie sie genannt wurde. Eine Frau, deren Träume, deren erhoffte Zukunft nie in Erfüllung gehen werden, eine Frau, die durch die Umstände, in die sie gerät Schreckliches tut. Als Kind wurde sie vergewaltigt und statt von ihrem Vater Hilfe zu erfahren, nur als Lügnerin abgestempelt und geprügelt. Ein Leben als Prostituierte, und ein Mord aus Notwehr folgten und das Ende war, dass das eigentlich immer noch hoffnungsvolle kleine Mädchen in jedem Mann eine Bedrohung sah und ihn umbrachte, geradewegs mit dem Plan aus der Türe trat, dass der nächste, der anhält, sterben muss. Eigentlich hätte es anders werden können, als sie Selby, gespielt von Christina Ricci ("Sleepy Hollow"), das erste Mal trifft. Selby wurde von ihren Eltern nach Florida geschickt, in der Hoffnung, dass sie sich dort von ihrem ‚Lesbendasein' abwenden würde. In ihr findet Aileen Liebe, die sie von Männern nie erfahren hat. Selby wird für sie wie ein Fels in der Brandung. Nach der schockierenden Erfahrung der Vergewaltigung und des Mordes aus Notwehr, beschließt sie das Leben als Prostituierte zu beenden und einen richtigen Job zu bekommen, um für sich und Selby zu sorgen und Selbys Wünsche zu erfüllen. Sie bekommt keinen Job und muss auch auf Selbys Drängen hin wieder anschaffen gehen. Als sie in eine Situation gerät, die sie an die letzte Vergewaltigung erinnert, zieht sie aus Angst ihre Waffe und drückt ab. Durch dieses Ereignis und die naiven Wünsche von Selby ein Haus am Strand zu haben, nach ‚Fun World' zu fahren, beginnt sie jeden umzubringen, um an das benötigte Geld zu kommen und um sich für alles was ihr angetan wurde zu rächen. In ihrem Kopf entstehen schreckliche Bilder, die sie in jedem Freier zu erkennen scheint. Schließlich tötet sie sogar einen Mann, der ihr nur helfen wollte. Am Ende wird sie gefasst und von Selby aus Angst zur Mittäterschaft verurteilt zu werden, zu einem Geständnis gebracht, wodurch sie die Todesstrafe erhält. 

Charlize Theron hat für ihre Darstellung der Aileen Wuornos den Golden Globe bekommen und ist für den Oscar nominiert. Als sie als ‚weiblicher Mann' in den ersten Bildern des Filmes zu sehen war, habe ich gedacht, dass dies nie funktionieren würde, dass es zu übertrieben wäre. Doch sie hat es durchgezogen und obwohl ich ab und zu dachte: Das ist Charlize Theron, diese wunderschöne Frau aus Filmen wie "Gottes Werk und Teufels Beitrag" und "Sweet November", jetzt mollig, strähnige Haare, Zahnprothese, ungeschminkt(?), hat sie mich überzeugt. Sie kann mehr als nur schön sein. Den Oscar hätte sie auf jeden Fall verdient. 

Patty Jenkins hat mit ihrem Erstlingswerk einen schockierenden, doch eigentlich auch wundervollen Film geschaffen. Sie erspart den Zuschauern nichts, auch wenn es nicht immer alles gezeigt wird, so reicht doch die Untermalung mit perfekt eingesetzten Toneffekten oder durch die Erzählungen der Off-Stimme und der Zuschauer weiß genau, welche Bilder Patty Jenkins und ihr Team damit suggerieren wollten. Unbedingt sehenswert!

Gesehen von Kathrin Metzner

The Hired Hand

Retrospektive, von Peter Fonda

Auf dem Weg zur kalifornischen Küste, nach sieben langen Jahren, in denen Harry und Arch gemeinsam das Land durchritten, entschließt sich der müde gewordene Harry zurückzukehren. Er findet sich an einem verlassenen, öden Fleck in Mexiko wieder. Ein Dorf, durch das er vor drei Jahren schon einmal geritten war. Er fasst den Entschluss, sein Umherziehen zu beenden, um zurückzugehen zu Farm, Frau und Kind. Erschöpft vom Reisen und es Leid ewig im Dreck zu schlafen, will er sich nun auf den sieben Jahre langen Weg machen, seine neue - alte Sehnsucht zu stillen. Arch, der sich ihm anschließt, kann es verstehen und so reiten sie gemeinsam - ein letztes Mal. Bei Hannah, Harrys Frau eingetroffen, erbitten sie sich als "Hired Hand" arbeiten zu dürfen und bleiben. In der Rolle eines einfachen Arbeiters und nicht als wieder gefundener Ehemann beginnt Harry neues Vertrauen in Hannah zu wecken. Er verspricht ihr für immer zu bleiben und sie nicht mehr zu verlassen. Doch nachdem Arch das neu wachsende Familienglück verlässt, gerät er in die Hände eines Mannes, der noch eine Rechnung mit Harry zu begleichen hat. Ein Bote droht, Arch alle Finger abzuschneiden, wenn er sich nicht stellt. Kaum heimgefunden, sieht sich Harry nun zerrissen zwischen seiner Familie und der alten bestehenden Freundschaft zu Arch. In einer größeren Schuld fort zu gehen statt zu bleiben, reitet Harry los seinen langen Weggefährten zur Seite zu stehen. Prophezeit von Hannah, er werde niemals bei ihr bleiben, macht er sich auf den Weg ins mexikanische Dörfchen. In einem Showdown ohne große Inszenierung, verliert er dabei sein Leben. Am Ende befreit, kehrt Arch zurück zur Farm, mit einem reiterlosen Pferd im Schlepptau. "The Hired Hand" ist ein Beispiel, für eine großartige Weise einen Western zu erzählen. Der Film besticht durch seine unheimlich, kraftvolle Art der Bilder. Wasser, Sand, Wind und Wolken treiben zusammen mit Reitern und Pferden, auf ihrem Weg, irgendwohin. Lange, langsame Überblendungen aus manchmal sechs Einstellungen und Bildern, führen zu einem unglaublich wirkenden Sehereignis. Zerstrahlte Reflexionen im Wasser bilden Hintergründe für die Nahaufnahmen der gezeichneten Gesichter, ruhloser Outlaws. Akribische Montagen vermitteln den Anschein, als ritten sie direkt durch die Wolken. "The Hired Hand" spielt mit den Eindrücken, die man gewinnt, wenn man sich traut etwas genauer hin zu schauen. Aber auch inhaltlich wirkt "The Hired Hand", das Regiedebüt Peter Fondas, befreiend und revolutionär, was die Klischees dieses Genres als auch die Rolle Vera Blooms angeht, deren Frauengestalt im Film einen ungewöhnlich immensen Angelpunkt bildet. Zusätzlich zur hervorragenden Bildmontage Frank Mazzolas (Fonda plante ursprünglich die Szenen einfach aneinander zu schneiden), muss Langhornes eindringliche aber schlichte Art der musikalischen Untermalung erwähnt werden. Warum "The Hired Hand" vom damaligen Publikum nicht in entsprechenden Maßen gewürdigt wurde, liegt wohl tatsächlich daran, dass Fonda in seinem Western komplett auf Lederjacke und Motorrad verzichtete! Heute jedoch wissen wir es besser. "The Hired Hand", für meine Begriffe absolut sehenswert.

gesehen von Stefan Banas

Traveling with Che Guevara 

von Gianni Mina

Ich hatte mich wirklich auf den Film gefreut und dafür einiges anderes sausen lassen. Der Name ‚Che Guevara' im Titel versprach viel, aber nur der Name im Titel reicht eben nicht. Der Film handelt über die Reise von Che Guevara und Alberto Granado durch Südamerika, per Motorrad, zu Fuß, als Mitfahrer oder auf dem Wasser. Zumindest tut dies der Film "The Motorcycle Diaries", den ich eigentlich erwartet hatte, aber nicht zu sehen bekam. Vielmehr war diese Dokumentation ein ‚Making-Off' ebendiesen Films. So wurden teilweise schlechte, verwackelte Bilder mit der Crew im Bild auf die Leinwand projiziert, die kaum noch etwas mit Che zu tun hatten, sondern Alberto Granado folgten, der bei den Dreharbeiten des Films anwesend war, Ratschläge über die Ereignisse gab und in Erinnerung schwelgte. Schauspieler und Regisseur wurden interviewt und Szenen aus dem eigentlichen Film gezeigt, die einen neidisch machten.  Vorrangig waren die Dreharbeiten an den einzelnen Stationen der Reise und die Schauspieler. Hätte der Film "Traveling with Alberto Granado while making the movie I expect" geheißen, wäre es bestimmt ein toller Film gewesen, oder zumindest hätte er dem Titel entsprochen, aber ob da das Kino ausverkauft gewesen wäre, möchte ich bezweifeln. Was lerne ich daraus? Nicht den Titeln trauen, lieber vorher Informationen sammeln und schauen wie ich jetzt "The Motorcycle Diaries" zu sehen bekomme.

gesehen von Kathrin Metzner

Trilogia: To Livadi Pou Dakrisi (Die Erde weint)

von Theo Angolopoulos

Theo Angolopoulos erzählt die Geschichte seiner griechischen Heimat und rekapituliert dabei die Umbrüche des vergangenen Jahrhunderts in seinem poetischen Bericht "To Livadi Pou Dakrisi" (Die Erde weint). Im Zentrum stehen ein Mann, Alexis (Nikos Poursanidis), und eine Frau, Eleni (Alexandra Aidini), die eine große Liebe verbindet und die während der Ereignisse immer wieder getrennt werden und sich an verschiedenen Orten wieder treffen. Die Geschichte beginnt im Jahre 1919, als die Angehörigen einer griechischen Gemeinschaft beim Einmarsch der Roten Armee aus Odessa fliehen, und reicht bis zum Ende des griechischen Bürgerkrieges im Jahr 1949. Das Paar wird auf irgendeine Weise in alle Ereignisse verwickelt, die sich in diesen 30 Jahre abspielen. Dabei geht es geht um Liebe, Verrat, Familie, viel Wasser, Deportation, Flucht, Exil, Bürgerkrieg, Weltkrieg, Tod, Leben, Trauer, Gefangenschaft, Musik, Hoffnung, Trennung, den Zusammenbruch von Ideologien… Es geht um viel, eigentlich um viel zu viel, als es alles in einen Film zu packen. Viele der Themen beanspruchen normalerweise einen ganzen Film für sich allein. 

Mehrmals in der letzten Stunde des drei Stunden Epos, der nur der erste Teil einer Trilogie ist, scheint es als ob das nahende Ende angekündigt wird, wobei der Film dann doch erst einige Umwege später einen Abschluss findet. Um die Geschichte in allen wichtigen Punkten zu erzählen, würden wahrscheinlich zehn Seiten nicht ausreichen. Obwohl durch lange Einstellungen, die nicht selten eine ganze Szene dauern, wunderschöne Bilder geschaffen werden, sind Schnitt und Rhythmus schleppend. Zu Höhepunkten wurden die zahlreichen Szenen mit Musik. Man glaubt gar nicht, dass man plötzlich Fan von Akkordeonmelodien werden kann. Wichtig für den Film ist auch die Stimmung gewesen, die vor allem durch das Wetter erzeugt wurde. Normalerweise wünscht man sich als Regisseur für den Dreh so viel Sonnentage wie möglich, nicht aber Angolopoulos. In seinem Film sieht man keinen einzigen Sonnenstrahl. Es ist als ob die Sonne gar nicht existieren würde, immer wolkenverhangen und viel Regen, was das traurige Schicksal der Hauptpersonen und die melancholische Stimmung unterstützt. Der Dreh zu diesem Film wurde teilweise für Monate unterbrochen, um auf das regnerische, neblige Wetter zu warten. 

Und am Ende des Films sind irgendwie alle gestorben, oder auch nicht, was ich nicht so richtig heraus bekommen habe. Vielleicht sollte man sich, um diese Frage zu beantworten die zwei folgenden Filme "The Third Wing" und "The Eternal Return" ansehen, um zu sehen, wer da wieder mitspielt. Aber ob ich noch mal so lange im Kino aushaaren kann…?

gesehen von Kathrin Metzner

 

Der Typ

Perspektive deutsches Kino

Gesehen von Stefan Banas

 

The Rasberry Reich

Gesehen von Stefan Banas

 

Was nützt die Liebe in Gedanken

"Vielleicht ist es so, dass jeder Mensch nur einmal in seinem Leben glücklich ist. - Einmal. Und dann wird er bestraft." Die Strafe ist, dass er dieses eine Mal nicht mehr vergessen kann. So ergeht es Paul Kranz und Günther Scheller, zwei jugendliche Berliner der 20er Jahre. Paul verliebt sich in Günthers Schwester Hilde. Doch Hilde ist ein Mädchen, dass von vielen begehrt wird, viele liebt. Wie zum Beispiel Hans, der zuvor Günthers Liebhaber war. An einem Wochenende im Sommerhaus auf dem Land, stellt Günther Hilde seinen Freund vor: "das ist Paul Kranz. Er ist Dichter." Hilde findet auch gleich Gefallen an Paul, an Paul und seinen Gedichten, die er sie lesen lässt. Die Liebe, ist sein größtes Ideal. Nur für sie, würde er "lächelnd aus dem Leben scheiden", schreibt er. "Glaubst du daran, an die große Liebe?" fragt Hilde ihn. Paul nickt. Doch er fällt in seinem Begehren nicht gleich über sie her! Aber Hilde ist keine Theoretikerin. So schreibt sie wiederum über ihn, in ihr Tagebuch: "…ein Mädel wird sich schön bedanken, wenn deine Glut nur aus Gedichten spricht, doch was nützt die Liebe in Gedanken? Kommt die Gelegenheit, dann kannst du's nicht". In anderen Sphären schwebend, schwelgen Paul und Günther in Gedanken darüber, was das Leben eigentlich soll. Sie treffen den Entschluss etwas zu gründen, was man später einen Selbstmörderclub nennen wird. Aus Überzeugung, dass die Liebe etwas Einmaliges ist, legen sie die Statuten ihres Clubs fest. Dass sie ins All zurückkehren, wenn sie am glücklichsten sind und dass sie jeden mitnehmen werden, der zwischen ihrem Glück, ihrer Liebe steht. Unausweichlich treiben sie so einem jähen Ende entgegen. Denn Hilde und Hans schaffen es ihnen immer wieder Stiche zu versetzen. Arglos, doch nur bedingt der Schuld bewusst, gibt es doch "Zwei Sorten von Menschen, die einen die lieben und die Anderen werden geliebt". - Mag wohl Schicksal sein. Am Morgen nach dem Wochenende ist ihr Leid vollkommen. Paul und Günther schreiben einen Brief "ans Weltall", in dem sie ihre Absichten festhalten. Kurz darauf stürzt Günther mit einer Pistole in das Zimmer seiner Schwester. Erschießt Hans - danach sich selbst. Paul war sich der Sache jedoch nicht mehr so sicher, er sagte noch zu Günther, dass er jetzt nach Hause gehen werde. Worauf er ihm bloß erwidert "Du bist doch längst gegangen!". Paul erschießt Hilde nicht. Vor einer Anklage wird er wegen illegalem Waffenbesitz verurteilt. Hilde verlässt die Stadt. Zu groß die Scham über ihre Person. Die Geschichte, - eine wahre Begebenheit. 

"Was nützt die Liebe in Gedanken" ist ein Film mit einer ausdrucksstarken Geschichte, voller Lyrik und Poesie. Allein der Wunsch dem Leben, bei dem Gefühl DAS EINE bloß gespürt zu haben, zu entschleichen, ist pure dichterische Empfindsamkeit. Denn was mag da größres kommen? Selten gibt es einen Film mit solchem Potential. Schade nur, dass man es nicht ausgeschöpft hat! Viel lyrischer hätte man die Bilder erwarten können, drehte sich doch schlussendlich alles um die künstlerisch- philosophische Sicht der Dinge. Nächtliches Baden im See, berauscht vom Absinth, am Feuer dem Klang einer Gitarre folgend oder in alten dunklen Kellern verstaubte Flaschen suchend. Die Idee davon schien greifbar, doch wollt sie nicht recht überspringen. Trotz all dem, "…nützt die Liebe in Gedanken" gesehen zu werden.

gesehen von Stefan Banas

La vida que te espera - Your next Life

Im nordspanischen Valle de Pas, abgelegen von städtischem Treiben, wächst Val zusammen mit ihrer Schwester auf dem Hof des Vaters auf. Die Mutter verstarb schon viele Jahre zuvor an einer Erkrankung, so das Val Mutter, Magd und Schwester zugleich ist. Eines Tages läuft Vanessa, die prämierte Kuh und ganzer Stolz des Vaters dem angefeindeten Nachbarn und Wettbewerbsrivalen zu. Als er die Kuh zurück fordert, verlangt der gehässige Alte dafür das erste Kalb der Kuh. Gezwungen darauf einzugehen, willigt Vals Vater ein um wenig später ein x - beliebiges Kalb von seiner Tochter überbringen zu lassen. Doch der kritische Nachbar ist "nur alt und nicht dumm" und kommt hinter den Schwindel. Auf das er Val, anstatt des Kalbes, Geschirr anlegt und in den Stall sperrt. Bei der Befreiung Vals aus der demütigenden Lage werden sie vom Nachbarn überrascht, der sie nicht gehen lassen will und ein Messer zieht. Es kommt zum Kampf, gibt Gerangel, Val rennt davon. In der nächsten Sekunde wird ein Sarg zum Friedhof getragen. Vals Vater redet ihr ein: "Schweigen hilft, es zu vergessen". Sie sprechen Rai, dem Sohn des ermordeten ihr Beileid aus. Rai ist Frisör in der Stadt und will nur solange bleiben, bis alles geregelt ist, denn er hat sich mit seinem Vater nie richtig verstanden. Val soll nun auf Geheiß ihres Vaters herausfinden, was er weiß. Bei diesen Unternehmungen verlieben sich die Beiden ineinander, wodurch sich Spannungen zwischen Val und ihrem Vater aufbauen. Nach einigem Hin und Her, findet Rai heraus, wer seinen Vater umgebracht hat. Vals Vater flüchtet ohne Erfolg vor der Polizei in die Berge. Ihren Vater im Gefängnis wissend, kann Val jedoch nicht länger mit Rai zusammen leben, denn sie trägt ein Geheimnis mit sich: "Ihr Vater ist unschuldig".

 "La vida que te espera" von Manuel Gutiérrez Aragón, ist ein Film der neben der verstrickten Geschichte auf die landschaftlichen Vorzüge Nordspaniens setzt. Aragón schafft es, das bäuerliche Leben mit all seien Verpflichtungen, auf ehrliche Weise, zu inszenieren. Er erzählt dabei ein spannendes Drama, welches sich erst zum Ende auflöst. Leider gibt es ein paar Ungereimtheiten im Film. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass Rai Vals Vater ertränken will, weil der wiederum seinen Vater erstach. Als Val ihm später gesteht, sie habe seinen Vater getötet, antwortet er ihr, dass er es schon lange gewusst habe! Nebenbei sitzt der Vater gerade wegen Mordes im Knast, ohne das es irgendjemanden ernsthaft stört. Schließlich und hauptsächlich wiederstrebt mir aber, was der Film durch die Darsteller suggeriert. Nämlich den vielfach geäußerten Ausspruch: "Schweigen hilft, es zu vergessen". Ist das die ernsthafte Meinung des Regisseurs oder versucht er hier nur bäuerliche Weisheiten mit einfließen zu lassen? Ich meine, Schweigen hilf das Rauschen des Windes in den Bäumen zu hören, - oftmals nicht mehr!

gesehen von Stefan Banas

Maria voll der Gnade 

Erstlingsfilm von Joshua Maston

Maria voll der Gnade, eigentlich ein Gebet an die Mutter Gottes, hier im Film aber einmal ganz anders interpretiert.

Maria, ein 17-jähriges junges Mädchen aus Kolumbien, lebt mit ihrer Mutter, Großmutter Schwester und deren kleinen Sohn unter einem Dach. Maria arbeitet mit ihrer besten Freundin Blanca in einer ‚Rosenfabrik', wo sie Dornen von den Stielen entfernt und Sträuße für den Export bindet. Es ist eine anstrengende, streng reglementierte, monotone Arbeit mit einem unfreundlichen Chef, der sie nicht einmal auf die Toilette gehen lässt. Die einzige Abwechslung in ihrem Leben sind die Fiestas auf dem Marktplatz, die sie mit ihrem Freund Juan an den Wochenenden besucht. Doch mit ihm hat sie auch mehr Probleme als Freude. Die beiden lieben sich nicht einmal, dabei sie schwanger von ihm. Maria ist temperamentvoll und impulsiv. Als sie eines Tages in Streit mit einem Vorgesetzten gerät, kündigt sie spontan - wofür ihre Familie kein Verständnis hat, da sie allerlei zum Haushaltsgeld dazu beitragen muss. Sie ahnen nicht, dass Maria schwanger ist, aber Juan nicht heiraten will. Durch eine alte Zufallsbekanntschaft beginnt sie als ‚Maultier' zu arbeiten. So macht sie sich, vorbereitet und beraten durch Lucy, die schon zwei Mal als Drogenkurier gearbeitet hat, mit einem ungeborenem Kind und 62 Päckchen Heroin in ihrem Körper auf den Weg nach New York. Dafür bekommt sie 5000 Dollar und so etwas Hoffnung auf ein besseres Leben. Blanca gerät ebenfalls in die Fänge der Drogendealer und beide finden sich mit Lucy und einer weiteren Frau im Flugzeug Richtung Vereinigte Staaten wieder. Doch schon die Einreise in die USA wird zum ersten Hindernis, die Frau wird verhaftet, Lucy stirbt qualvoll, weil ihr eins der Heroinkapseln im Bauch geplatzt ist, auch Maria wurde zuerst verdächtigt. 

Dieser Berlinale-Jahrgang, in dem bekannte Regisseure oft enttäuschten, könnte das Jahr der Newcomer sein. Einer unter ihnen ist der junge Amerikaner Joshua Marston, der diese Geschichte im Stile des europäischen Film-Realismus verfilmt hat. Ähnlich wie sein Vorbild der Brite Ken Loach hat er seine Schauspieler nie das ganze Drehbuch zu lesen gegeben, so dass sie nicht wussten, wie die Geschichte ausgeht. Beim Dreh wurde so viel mehr improvisiert, was man den Schauspielern anmerkt. Irgendwie wirkt ihre Art zu Schauspielern viel freier, weniger skriptgebunden. Sie bekamen eine eigene Stimme und das Gefühl, dass Ihnen die Rolle gehöre. Ein toller Film, der sich sehr für die Belange und Motive von Einwanderern interessiert, weil er vor allem die Beweggründe der jungen KolumbianerInnen thematisiert und den vielen Opfern des Drogenhandels ein Gesicht gibt. Dabei werden auch eindeutig die Drogenpolitik der USA und die Lebensumstände in Südamerika kritisiert, die junge Leute dazu bewegt, ihren Körper für Drogenlieferungen zu missbrauchen.

gesehen von Kathrin Metzner

Grenze

von Holger Jancke

Mein letzter Film auf der Berlinale. Ich war total erschöpft, krank und wollte eigentlich nur ins Bett. Aber ich dachte ein Stück Ossi-Geschichte, da muss man als Sachse doch eigentlich hingehen. Und das hab ich dann auch gemacht … und nachdem ich den Film gesehen habe, wäre es auch kein großer Verlust gewesen, wäre ich ins Bett gegangen, um mich auskurieren. 

O.K., interessant war das schon ein bisschen. Eine Doku über ehemalige Grenzer, die zum Ort des Geschehens zurückkehren. Der Regisseur selbst war einer der ehemaligen Zwangszugewiesenen zu den Grenztruppen. Alternativen oder Protest gab es damals nicht, nur Knast, und da wollte in der DDR wirklich keiner freiwillig hin. 
Sie sollten damals die Westgrenze des sozialistischen Lagers gegen jeden Angriff schützen, mit allen Mitteln, d.h. auch mit Einsatz der Waffe. Als sie dann an der Frontlinie des Dritten Weltkriegs irgendwo zwischen Magdeburg und Helmstedt Dienst taten, stellen sie fest, dass es zum Krieg gar keinen Gegner braucht. Es reichte die Einbildung. Jeder hoffte insgeheim, dass in seinen Abschnitt, während seiner Dienstzeit niemand flieht und dass er so nie seine Waffe gebrauchen und vielleicht jemanden erschießen muss. Doch am 25. Februar 1987 wird der Kalte Krieg für ein paar Stunden heiß - ein Fluchtversuch. Er gelingt.

So aufregend, wie das alles klingt war es nur leider nicht. Alte Geschichten wurden ausgegraben, Erinnerungen kamen wieder hoch und sie machten sich über die alten Regelbücher der DDR-Grenzer (‚die Garde des Proletariats' - "Dann sieht's aber schlecht aus für das Proletariat") lustig. Man folgte den ehemaligen Soldaten nur entlang der einzelnen Ausbildungsstationen und der Einsatzgebiete. Ironische Briefe aus der alten Zeit wurden vorgelesen, die einige Lacher heraus forderten, Geschichten wurden zu herumstehenden Möbelstücken erzählt, doch ansonsten…? Ach ja, der einzige, der da geflohen ist, wurde kurz interviewt. Manchmal kam es mir sogar so vor, als ob die Protagonisten Boja, Lohengrin, Mückenfried und LSD-Wölfi sich etwas unwohl fühlten vor der Kamera zu stehen und Fragen zu beantworten. 

Aber man merkte deutlich, wer im Kino saß und Ossi war. Man brauchte sich nur einmal umzuschauen und sah wissende Lächeln über verschieden Lippen huschen und Lacher aufkommen, wo nicht jeder lachen konnte, weil er die Geschichte nicht kannte, nie im Osten gelebt hat. Ein wenig mehr konnte ich über die Geschichte des Systems, in dem ich einmal lebte, herausfinden. Positiv! Aber für so manchen, der nie in der ‚sozialistischen DDR' aufgewachsen ist und sogar für manche, die da gelebt haben, war der Film wohl nur einer unter vielen, einer der nicht lange in Erinnerung bleibt.

gesehen von Kathrin Metzner

 

 
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