Startseite
Gesehen 2004
Nach oben Filmschule Aktuell Community Seminare
 
 
Suche Startseite Druckansicht E-Mail ans Movie-College

Ein Projekt von

Das Movie-College sucht Partner und Sponsoren! mehr...

Auf dieser Seite Verwandte Seiten Externe Links
Dix-sept Ans
The five obstructions
Parallel Lines
Smile & Wave
Am Arsch der Welt
Die Helfer und die Frauen
Suite Habana
Willkommen an der Grenze
Denk ich an Deutschland
Flammend Herz
Die Spielwütigen
Dok.Fest 2003
Berlinale 2004 - Rezensionen

 

Movie-College haftet nicht für den Inhalt externer Seiten

Dix-sept Ans

Wettbewerb

Dix-sept Ans

Der 17-jährige Jean Bernoit will seinem "Scheißleben" entkommen. Obwohl er das Glück hat, überhaupt eine Lehrstelle zu haben, möchte er fliehen. Sein Vater erschoß sich, als Jean 12 Jahre alt war, die Mutter nörgelt ständig nur rum und in der Schule bekommt er schlechte Noten. Die Lehrer drohen mit dem Rausschmiß, was zur Folge haben könnte, dass Jean seinen Job als angehender Kfz-Mechaniker verliert. Eigentlich würde ihm das aber nur gelegen kommen, denn er hat keine Lust, sich ständig bei der Arbeit herum kommandieren zu lassen und das Lernen fällt ihm sehr schwer. 

Jean träumt von einem tollen Job und vielen Wochenendausflügen mit seiner Freundin in seinem Auto. Schnell merkt der Zuschauer, dass Jean überhaupt sehr viel träumt und die Realität noch nicht richtig begriffen hat. Er sagt zwar immer, dass er die Lehre schaffen wird, und sein "Diploma" bekommt, jedoch sieht man keine Bemühungen in diese Richtung. Nie wird Jean beim Lernen für die Schule gezeigt. Oft sitzt der Junge einfach nur am Strand, raucht viel zu viel und redet davon, dass alles besser werden muss. Nur leider schafft er es nicht, seine Worte in die Tat umzusetzen. Ständig gequält von Versagensängsten wird Jean Bernoit aggressiv und stellt auf Stur. 

Den einzigen Halt bekommt er von seiner Freundin. "Ich brauche jemand, der mich liebt und der mir sagt, wo's langgeht", das hätte er nämlich nie gelernt. Wie auch? Der Zuschauer reist mit Jean in seiner Traumwelt herum; zu Orten, an denen der Junge lieber ist, als in der Schule oder am Schreibtisch zum lernen. Man fährt zum Strand, auf die Kirmes und zum Haus, indem der Junge mit seinen Eltern gewohnt hat, bevor die Ehe in die Brüche ging. Man merkt, dass der Junge in seinen frühen Jahren schon total abgekapselt und abgehärtet ist und nichts und niemanden an sich heranlassen will. 

Kurz bevor die Lehre und das Projekt zu scheitern drohen, wird Jean immer wieder mit der Realität konfrontiert. Der Regisseur Didier Nion kommt dem Jungen sehr nahe und übernimmt allmählich eine Ersatz-Vaterrolle. Die Lehrer machen ernst und auch Didier spricht ganz offen über die Mißlage des Jungen. Und Jean fängt an zu begreifen... 

Der Zuschauer bekommt durch Dix-Sept-Ans ein Stück seiner eigenen Jugend vorgelegt. Jeder hatte irgendwann schon einmal eine sture Phase, so wie Jean. Oder man war einfach zu faul und wollte lieber an den Strand, wie Jean. Oder alles wurde schön geredet aber Initiative ergriffen oder auf andere zuzugehen erwies sich als sehr schwierig, wie bei Jean. Jedoch hat der Junge nie gelernt, wie man in Aktion tritt. Durch die Familie, die schlechte Wohngegend und die miesen Aussichten auf Arbeit gab es nichts, woran der Junge sich klammern konnte. Seine Freundin und Didier Nion versuchten schließlich, ihn zu lehren, mit Erfolg.

Gesehen von Caroline Klenke

The five obstructions

Wettbewerb

The five obstructions

1967 drehte Jorgen Leth den Kurzfilm "Der perfekte Mensch". Lars von Trier verehrt diesen Film und entwickelte darauf basierend ein ‚Große-Jungen-Spiel'. Sein dänischer Kollege und Landsmann lies sich darauf ein und begab sich in das Regelwerk von Lars von Trier. Fünf Remakes des Films von '67 sollten gedreht werden nach den Regeln des Dogma-Begründers. 

Von Triers großes Ziel war es Leth einmal dazu zu bringen ‚Crap' zu drehen um so vom Perfekten zum Menschlichen zu gelangen. Man versuche immer einen besseren Film zu machen, und den vorherigen zu übertreffen, aber genau so solle es diesmal nicht laufen, so Lars von Trier. 

Obstruction Nummer Eins lautete folgendermaßen: 12 frames, gedreht wird in Kuba, ohne Set. Also hieß es für Leth auf nach Kuba. Er fand die passenden Darsteller, die Location und die 12 frames waren eher ein Geschenk für ihn, als dass es ihm irgendwelche Probleme bereitete. Der Kurzfilm wurde wieder ‚perfekt'. 
Daraufhin lauteten die Regeln: gedreht wird an einem schrecklichen Ort, Leth sollte den perfekten Menschen spielen und die Essszene aus dem Orginal musste dabei sein. Diesmal ging es nach Bombay ins Red District. Leth war Hauptdarsteller und aß Hummer und trank Champagner mitten im Armenviertel vor den Augen der dort lebenden Menschen. Nur diesmal hatte Lars von Trier ein Problem damit. Leth hatte den Film vor einem transparenten Hintergrund drehen lassen, so das man die Menschen dahinter sah. Das war nicht abgemacht gewesen, also musste sich Leth bei Obstruction Nummer Drei entscheiden: keine Regeln/totale Freiheit oder zurück nach Bombay und den selben Film noch einmal drehen. 
Leth entschied sich für eine eigene, neue Version, die nicht weniger abenteuerlich in einem Hotel, in dem sich Letz ständig verlief, in Brüssel entstand. Da von Trier merkte, dass Leth durch alles inspiriert wurde, egal, wie schwer die Regeln auch waren, entschied er sich bei der vierten Aufgabe für einen Cartoon. Jorgen Leth hasst Cartoons und bewältigte Obstruction Nummer Vier trotzdem mit Bravour und sein Film gefiel. Nur war es wieder kein ‚Crap'. 
Die letzte Regel: Leth musste gar nichts tun, außer einen Text lesen, der von Lars von Trier diktiert wurde, und seinen Namen für den Regisseurtitel hergeben. Von Trier schnitt den Film, aus Material, das während ihrer Gespräche und während der Drehs entstanden war, zusammen. Der Text war ein Brief von Leth an Lars von Trier, geschrieben von Lars von Trier, in dem er aufgab und eingestand, dass Jorgen Leth menschlich sei. 

Die Dokumentation folgt den Vorgesprächen der beiden vor jedem der fünf Remakes, den Drehs der einzelnen Filme und den Treffen der Regisseure, um den Film zu sichten und die Regeln für den folgenden aufzustellen. Zwischendrin lernt man Szene für Szene das einstigen Orginal von 1967 kennen. 
Es war sehr interessant, von Trier und Leth bei ihrem ‚Teuflischen Pakt' zuzusehen. Das Resultat ist Unterricht im Filmemachen. Wie kann man gegebene Regeln hinter sich lassen, um noch weiter zu gehen und daran zu wachsen. Wie kann man etwas ausprobieren, was man sonst nicht machen würde, weil es seinen eigenen Regeln widerspricht. Die Treffen der beiden dänischen Regisseure wurden zu einem komischen Spektakel, wie zwei Jungs, zogen sie sich gegenseitig auf. Die fünf Remakes waren immer wieder neu, experimentell, mit unterschiedlichstem Stil und toll anzuschauen. 
So etwas entsteht, wenn zwei große Jungs Langeweile und ein großes Budget zur Verfügung haben.

Gesehen von Kathrin Metzner

Parallel Lines

Wettbewerb

Parallel Lines

Was wäre wenn, wir uns einmal Zeit nehmen und stehen bleiben, um die Menschen kennen zu lernen, denen man tagtäglich begegnet: die Frau, die im Waschsalon neben einem die Wäsche wäscht, die Bedienung in der Kneipe, der Mann, der sich um Toiletten an der Autobahnraststätte kümmert oder einfach einmal bei jemanden ganz spontan anhalten, der an der Straße steht. Was verpassen wir eigentlich täglich, wenn wir die Leute nicht kennen lernen, was könnten sie zu unserem Leben besteuern, was wir zu ihrem, wie könnten sie uns ändern, wie wir sie?? 

Genau diesen Fragen geht Nina Davenport in ihrem Road-Movie durch ein ganz anderes Amerika, als wir es kennen oder kennen gelernt hätten ohne diesen Film, auf den Grund. Eigentlich war es als eine Reaktion auf den 11. September 2001 gedacht. Nina begab sich im Herbst 2001 kurz nach den Anschlägen von einem Dreh aus San Diego, Kalifornien mit dem Auto zurück nach New York. Sie wollte unterwegs die Leute nach ihren Reaktionen und ihren Empfindungen zu den Terroranschlägen befragen. Doch immer mehr rückte der einstige Dokumentations-Mittelpunkt in den Hintergrund um den Anekdoten und persönlichen Geschichten der neuen Bekanntschaften über Verlust, Trauer und Schicksal das Feld zu räumen. Skurriles trifft auf Alltägliches und Patriotismus auf "Irgendwann musste es uns ja mal treffen". Echte Texas-Cowboys, Aussteiger, Kriegs-Veteranen, allein erziehende Mütter, eine 15jährige Schwangere von einem 61jähren, ‚General Bob', ein Navaho-Indianer… alle kommen im Film zu Wort. 

Eine gelungene Dokumentation, die Lust darauf macht selbst eine Kamera in die Hand zu nehmen um die Menschen kennen zu lernen, denen man den Tag über begegnet.

Gesehen von Kathrin Metzner

Smile & Wave

Wettbewerb

Smile & Wave

"Smile and Wave" lautete der Name der Mission, die die Niederländer in Afghanistan ausführen sollen. Anwesend sein, Patroulliern, Überprüfen, die einheimischen Truppen versorgen, Lächeln, Winken, nichts tun, zusehen. Mehr dürfen sie nicht machen, mehr ist ihnen nicht erlaubt, da sie im Rang unter den afghanischen Truppen stehen. 

Bei einer Studentenrevolte, als mehrere Studenten von der Polizei erschossen oder verletzt wurden, mussten sie zusehen. Sie besuchten Frauen, die mit teilweise Neugeborenen im Gefängnis sitzen. Alle sind bis zu acht Jahre verurteilt und müssen ihre Kinder hinter Gittern aufwachsen sehen. Die Gründe: Sie haben sich gegen ihre misshandelnden Ehemänner zur Wehr gesetzt oder sich scheiden lassen. Sie werden nun dafür bestraft, nicht die Ehemänner. Eingreifen können die Niederländer auch hier nicht, sie können Beschwerden einreichen, aber die werden nichts nützen, da die Gesetze, die im Land herrschen, die oberste Gültigkeit haben. 

Die Dokumentation bietet einen Einblick in das derzeitige Weltgeschehen in Afghanistan und in den täglichen Tagesablauf der dort stationierten ‚fremden Truppen' - ständig unterwegs, Geschenke and die obersten der afghanischen Polizei und Armee verteilen, wenig Schlaf, ständig Bombendrohungen, Poster nackter Frauen in den Zelten, Jeep fahren, nach Hause telefonieren, Fernsehen, warten wieder nach Hause zu können - und der Übersetzer, die Ihnen zur Seite gestellt sind - ständig kontrolliert werden, stundenlang anstehen um kontrolliert zu werden, übersetzen, Gespräche mit den niederländischen Soldaten über Kultur, Frauen, Sex. 

Doch geht es nicht nur um die Einsätze der Soldaten, viel wichtiger ist es der Regisseurin Marijke Jongloed die Soldaten selbst zu Wort kommen zu lassen. Sie plaudern über ihren Alltag, wie lang sie hier sind und noch bleiben müssen, dass sie schwangere Freundinnen zu Hause haben, die auf sie warten, dass sie mehr Action wollen oder dass sie nur da sind um ihre Pflicht zu erfüllen oder um den Menschen zu helfen. Sie sind sauer, dass sie bei den Missständen nicht eingreifen können, freuen sich, dass die Menschen wieder einigermaßen zu ihrem Alltag zurückkehren konnten und dass die Kinder wieder auf der Straße spielen, mit lachenden Gesichtern. 
Eine interessante Dokumentation, die einem einen ganz anderen, tieferen Einblick in das Krisengebiet Afghanistan gewährt, als es die Nachrichten jemals tun könnten oder würden.

Gesehen von Kathrin Metzner

Am Arsch der Welt

Neue Filme Bayern

Am Arsch der Welt

Im hintersten Winkel von Vorpommern liegt Klein Jasedow, laut Bürgermeister ‚Der Arsch der Welt'. Nach der Wende lief dem Dorf die Bevölkerung davon, seitdem wetteifern die Bürgermeister der Orte in der Gegend um die minimalste Abwanderung. 1997 stand Klein Jasedow fast vor der Auflösung und sollte weiteren Ackerflächen Platz machen. Damals ließ der Bürgermeister das A-Wort gegenüber dem Spiegel fallen, der über die Abwanderung von jungen Leuten aus dem Osten in den Westen berichtete. 

Klein Jasedow scheint den Wettbewerb jetzt jedoch zu gewinnen. Nicht nur, dass niemanden mehr abwandert, auch scheint ein Bevölkerungsmagnet am Arsch der Welt platziert worden zu sein, denn ausgerechnet an diesem heruntergekommenen Ort weht jetzt ein neuer Wind. Eine Gruppe von sechzehn Wessis ließ sich in der Ossi-Gemeinde nieder und brachte neue Impulse in die Gegend: Instrumente-Werkstatt, Verlag und Ökogarten inmitten eines großflächigen Ackergebietes, beherrscht von einem einzigen Agrar-Unternehmen, das seine Claims schon vor langer Zeit abgesteckt hatte. Genau dieser Gegensatz brachte auch die Konflikte im Sommer 2001, als ein Wind das Herbizid Brasen von den Feldern in den Ökogarten wehte. Die Landkommune erstattete Anzeige, was die Alteingesessenen sich nicht bieten ließen. 

Der Konflikt eskalierte: aufgehetzte Bevölkerung, die mit Plakaten - ‚Wir brauchen Eure Weisheiten nicht!' - gegen die ‚Zugereisten' vorgingen, böse Verleumdungen (Lesben, Sekte, Hexe…), eine brodelnde Gerüchteküche und nackte Intoleranz der alten Dorfbevölkerung gegen jegliches Neue und Unbekannte. Sie scheinen sich überrannt zu fühlen, nach dem Motto ‚die Wessis kommen um unsere Gegend wieder wirtschaftlich hoch zu bringen, als ob wir das nicht selber können'. Ihr Stolz scheint verletzt. Trotzdem gaben die ‚Neulinge' ihren Existenzkampf nicht auf. Mittlerweile wächst ihr kleines Unternehmen in guter Siedler-Manier stetig und sie beschäftigen und renovieren die halbe Ortschaft. 

Der ganze Konflikt inspirierte den Regisseur Claus Strigel aus seiner Dokumentation eine Western-like, oder besser Eastern-like Doku zu machen. Unterlegt von Western-Melodien a la "Spiel mir das Lied vom Tod" kommen beide Parteien und Außenstehende zu Wort. Immer wieder sind Schrifttafeln eingeblendet, die die Geschichte der Siedler auf ihren Weg in den Osten beschreiben und dadurch das eigentlich ernste Thema ab und zu ins Komische verlagern. Auch wenn manchmal nicht alles gleich ganz klar ist und der Regisseur auch mal etwas weiter vom Thema abschweift, so ist es doch eine gelungene Dokumentation geworden, die jetzt allerdings die Redaktion der ARD spaltet: Kommentare dazu? Welcher Sendeplatz? Und vor allem der Titel ist nicht allen so ganz recht.

Gesehen von Kathrin Metzner

Die Helfer und die Frauen

Internationales Programm

Die Helfer und die Frauen

Diese Dokumentation von den Regisseurinnen Karin Jurschick und Anke Schäfer vermittelt die ernste und zugleich realistische Lage in Kosovo und Bosnien-Herzegowina. Die Rede ist vom Menschenhandel und (Zwangs-) Prostitution - das sogenannte "Trafficking", das eine Schattenwirtschaft darstellt, die erst mit Einzug der internationalen Hilfsorganisation in die Krisenregionen eingetroffen ist. Was hier gezeigt wird, kann man sich nur schwer vorstellen. Karin Jurschick dokumentiert wie aus Nachbarländern wie Moldavien Frauen verschleppt werden, mit dem Versprechen ein neues Leben in Mitteleuropa beginnen zu können. Doch tatsächlich werden sie im Kosovo ausgesetzt und in die Prostitution getrieben. Die Friedenstruppen, von der Nato geführte SFOR und KFOR sowie internationale Nicht-Regierungsorganisationen NGOs, bemühen sich um die Demokratie und Menschenrechte in den betroffenen Gebieten, sind jedoch hilflos. 

Der Film ist sehr gut gemacht, wenn man bedenkt wie schwer es ist ein solches Thema in die Tat umzusetzen. Allerdings muss man betonen, dass sich der Film nicht ganz an der Realität orientiert, denn diese ist noch viel schlimmer. Er gewährt einen Einblick in die Gebiete Kosovo und Bosnien-Herzegowina - etwas oberflächlich, aber endlich wird ein so bedeutendes Thema zur Sprache gebracht. Dieser Film ist eine Aufforderung zum Weiterdenken und Nachdenken über das, was viel zu wenig im Bewusstsein ist!

Gesehen von Michael Piatek

Suite Habana

Internationales Programm

1. Rezension

Suite Habana

Ein Bahnarbeiter, der gern Saxophone in einem Orchester spielen würde, ein Arzt, der in seiner Freizeit auf Kindergeburtstagen den Clown spielt, ein Vater, der nach dem Tod seiner Frau seinen Beruf als Architekt aufgab, um sich um seinen behinderten Sohn zu kümmern, ein pensionierter Professor für Marxismus, dessen 79-jährige Frau Erdnüsse verkauft, um zu überleben, ein junger Mann, der tagsüber im Krankenhaus arbeitet und nachts als Drag Queen auftritt… Ganz normale Menschen, zu Hause in Havanna (Kuba) gewähren 24 Stunden einen Einblick in ihr tägliches Leben und in ihre Träume. Keine beschönigten Bilder werden dem Zuschauer präsentiert, sondern das wahre Leben, so wie es ist: traurig, aber auch wundervoll. 

Fast ohne Worte komponierte Fernando Pérez mit seinem Kameramann Raúl Pérez und dem Tonmeister Eesio Alejandro eine Hymne auf Havanna und auf die Menschen, die in der kubanischen Metropole leben. Die Montage aus Bildern, Geräuschen und Musik, folgt den Tageszeiten und den gewohnten Abläufen der Menschen. Man braucht auch keinerlei Erklärung, allein die Untermalung mit alltäglichen Geräuschen, die zu wundervollen Melodien und Rhythmen verschmelzen, verleihen dem Film einen poetischen Geschmack und ergeben die Sinfonie einer Großstadt.

Gesehen von Kathrin Metzner

2. Rezension

Gerne wird seit vielen Jahrzehnten die Frage diskutiert, in wie weit ein Dokumentarfilm die Realität mit inszenierendem Einfluss der Regie aufzeigen darf. Fernando Pères entschied sich in seinem Doku-Essay "Suite Habana" für die durchkomponierte, augenfreundliche 35mm Variante, durch welche uns der ganz besondere Charme gewöhnlicher Einwohner der kubanischen Hauptstadt Havanna näher gebracht werden soll. Wir erleben detailgetreue 24 Stunden der insgesamt 10 Protagonisten und müssen uns am Ende des Films sicher sein, einen authentischen Eindruck ihres Lebens bekommen zu haben. Auch dass Pères diese Stadt über alles liebt, bleibt wohl kaum einem verborgen. Doch unterhaltsam ist sein Film deshalb noch lange nicht. 

Anfangs war ich ja noch recht angetan von all den hübsch inszenierten Alltagsbildern, doch als mir schleichend bewusst wurde, dass dieser Film konsequent darauf verzichten wird, etwas "passieren" zu lassen, spürte ich eine leise Panik in mir aufsteigen. Weitere 60 Minuten kubanische Frauen beim Zwiebelschneiden beobachten? Oder alten Männern beim ins Leere kauen? "Geht doch endlich ins Bett!" ,möchte man den Protagonisten zuschreien. Doch dann wird weitere 20 Minuten lang das Abendessen exerziert. In all seinen belanglosen Details. Unangenehm erinnert "Suite Habana" an die ermüdende Langatmigkeit eines Wim Wenders. Die beiden Regisseure könnten mit aller Wahrscheinlichkeit Nächte durchplaudern: Wenders' wertvolles Wissen bezüglich endlosem aus dem Autofenster Rausfilmen ("Das ist so intensiv!") würde ausgetauscht werden gegen Pères' entscheidende Filmerfahrungen im Abschwenken von langsam essenden Kubanern ("Richtig nah am Menschen!"). 

Ich für meinen Teil würde mich von dieser Zusammenkunft früh verabschieden und schlafen gehen. Dann würde ich im Bett darüber nachdenken, wie man als Regisseur seine Selbstverliebtheit hinter sich lassen kann und ob es nicht eigentlich egal ist, in wie weit ein Dokumentarfilm inszeniert ist, wenn er nicht unterhalten kann. Kurz darauf würde ich in eine angenehm spannende Traumwelt gleiten und wäre glänzend unterhalten.

Gesehen von Daniel Vogelmann

Willkommen an der Grenze

Willkommen an der Grenze

"Willkommen an der Grenze" von Silvia Vila beschreibt eine Reise in das kleine Örtchen Mostar, dessen einzigartige Brücke während des Bosnienkrieges zerstört wurde. Dieser Bürgerkrieg hat eine unsichtbare Grenze zwischen zwei Völkern entstehen lassen. Die Kroaten leben im christlichen Westteil und die Bosnier im muslimischen Ostteil. Früher trennten Barrikaden die Menschen, heute ist es eine unsichtbare Mauer in ihren Köpfen. Das ist die Ernte dieses undankbaren Krieges. Sie hat die Menschen verändert, sie auseinander gebracht. Konfrontationen zwischen zwei Religionen führten zum totalen Haß und zur gegenseitigen Verachtung.

Die junge kroatische Regisseurin, die in Köln aufgewachsen ist, fährt nach Mostar, um über die Trennung der Stadt zu recherchieren. Wegen ihrer Abstammung ist es ein sehr persönlicher Film, der in einer Ich-Form erzählt wird. Sie trifft sich mit jungen Leuten aus den beiden Stadtteilen. Jeder erzählt ihr seine eigene Geschichte, wie er den Krieg erlebt und inwiefern er sein Leben verändert hat. Die Menschen sind sehr offen und haben viel zu erzählen... und sie erzählen sehr gerne. Jede Geschichte wird von einem Kaffee begleitet, der angeblich auf den beiden Ufern auf eine andere Art gekocht wird. In Wahrheit schmeckt er überall gleich. Es scheint unwichtig zu sein, aber gerade bei solchen Kleinigkeiten kommt die wirkliche Einstellung der Menschen zum Vorschein. Ein weiteres, viel bedeutenderes und anschaulicheres Merkmal: alle öffentlichen Einrichtungen wie Rathaus, Universität, Gericht... existieren zweifach. Nur das Gefängnis duldet die Vertreter beider Völker. Ironischerweise leben gerade an diesem Ort Muslime und Katholiken auf engstem Raum zusammen. 

Das Filmteam begleitet die Steuereintreiber vom Wasserwerk beider Seiten bei ihrem täglichen Rundgang. Während sie zusammen durch die Gegend fahren, sieht man Menschen, hört ihre Geschichten, betrachtet ihre halbzerstörten Häuser und man versucht langsam zu verstehen, was dieser Krieg den Menschen angetan hat. 

Die Art, wie der Film gemacht wurde, ist sehr simple. Es wurde amateurhaft drauf los gefilmt. Aber genau durch diese Natürlichkeit durch die wackligen Bilder gehen die Geschehnisse dem Zuschauer sehr nahe und zwingen ihn nachzudenken. Je länger man sich in Mostar befindet, desto unverständlicher und absurder scheint diese unsichtbare, aber sehr deutlich zu spürende Grenze zu sein.

Gesehen von Xenia Sigalova

Denk' ich an Deutschland

BR Special

Im Rahmen der von BR und WDR initiierten Reihe "Denk' ich an Deutschland" dokumentierten Michael Gutmann und Fatih Akin ihre ganz eigene Sicht auf Deutschland. Es entstanden zwei Dokumentationen im Familienalbum-Stil. 

Familienreise

In "Familienreise" macht sich Michael Gutmann mit seiner Mutter, seiner Tochter und seinem Onkel auf den Weg nach Polen um den Wurzeln der Familie auf den Grund zu gehen. Großmutter Kriemhild verbrachte im schlesischen Glatz ihre Kindheit. Ihr Vater war Mitglied der NSDAP und hoher Beamter der Stadt. Sie erlebte mit, wie die Synagoge verbrannt wurde und sie schließlich nach dem Krieg versuchten zu fliehen, wie der Vater in Kriegsgefangenschaft kam und wie die Familie 1946 letztendlich vertrieben wurde. Die Erinnerungen kommen wieder hoch, wie sie durch die Straßen wandert und die Plätze ihrer Kindheit, wie das Elternhaus wieder besucht. Inzwischen trifft Enkelin Clara das erste Mal ihre polnische Brieffreundin, die feststellt, wie viele Dinge in der Stadt noch deutsch sind. Am Ende geht es um eine Kiste, die kurz vor der Flucht von Kriemhilds Vater im Garten vergraben wurde, und auch jetzt noch unausgegraben dort verweilt oder, wie die Großmutter vermutet schon längst im Haus von den neuen Besitzern verteilt ist.

Wir haben vergessen zurückzukehren

"Deutsch, alles deutsch, Deutschland halt!", so kommentiert Akins Bruder das Leben in Deutschland in den Film "Wir haben vergessen zurückzukehren". Fatih Akin gewährt in der Dokumentation einen Einblick in das Leben seiner deutsch-türkischen Familie und nimmt die Zuschauer mit auf die Reise von Hamburg über Istanbul, wo ein Großteil seiner Familie heute lebt, nach Filyos, ein kleines Fischerdorf am Schwarzen Meer. Sein Vater kam 1965 als Gastarbeiter nach Deutschland und sagt heute, dass sie im Gegensatz zum Rest der Familie, einfach vergessen haben zurückzukehren. Im Laufe des Films und der Reise zurück zu den Wurzeln von Akin lernt man alle seine Onkel, Tanten und Cousinen kennen. Auch Freunde in Hamburg kommen in seiner Stammkneipe zu Wort. "Ich brauch mein Hamburg" - zu diesen Schluss kommt der Regisseur schließlich. 

Beide Filme sind private Einblicke in die Familiengeschichten der beiden Regisseure. Zu Privat, als interessant zu sein. Und an den Stellen, wo es hätte so weit kommen können, wird es für die Protagonisten wiederum zu privat, um weiterzureden. Fatih Akin meinte in seinem Film, dass er die Dokumentation mache, um sie einmal seinen Kindern zu zeigen. Die werden ihn sicher auch toll finden, da es sich um ihre Geschichte und ihre Familie handelt. Interessante Idee, aber man fühlt sich als Zuschauer ausgeklammert, als Unzugehöriger.

Gesehen von Kathrin Metzner

    

"Flammend Herz" (Internationales Programm) und "Die Spielwütigen" (Wettbewerb) haben wir bereits auf den Seiten der Berlinale 2004 besprochen.

Flammend Herz
Flammend Herz

Die Spielwütigen
Die Spielwütigen

 

 
© 1999-2011
Movie-College

Allary Film,
TV & Media
 
 
 

Titel:   Gesehen 2004
Zugriff:
Adresse:

Quelle: Movie-College (www.movie-college.de)

Allary Film, TV & Media (München) – Alle Rechte vorbehalten