Im Hintergrund...
Nein, bei diesem Standfoto sollen Sie sich einmal nicht die Hauptfigur
betrachten, sondern den Hintergrund, vor dem der Schauspieler sitzt. Da kann
man ja gar nichts richtig erkennen, weil es unscharf ist? - Wunderbar!
Wir interessieren uns nämlich genau für diese Unschärfe. Die
Frage, was ist eigentlich Unschärfe, klärt nämlich auch, was Schärfe ist.
Und wer meint, Unschärfe sei nur ein technischer Fehler, der ignoriert damit
ein ganz wichtiges Element der Bildgestaltung.
Häufig beklagen Videofilmer, dass ihre Aufnahmen so gänzlich anders
aussehen, als Filmaufnahmen. Ein wichtiger Unterschied, zwischen den Medien,
der zum sogenannten Filmlook beiträgt, ist auch die unterschiedliche
Schärfentiefe. Da die meisten Kamerachips kleiner sind
als ein 35mm Filmbild, sind auch die
Brennweitenverhältnisse und die damit verbundene Schärfentiefe anders. In
den letzten Jahren haben sich Vorsätze einer Münchner
Filmzubehör-Schmiede, welche mit einem Voratzgerät den Videokameras etwas
weniger Schärfentiefe verleihen, zu wahren Verkaufsschlagern entwickelt.
Nun, wenn Sie sich besagte Unschärfen einmal etwas genauer anschauen,
dann entdecken Sie mehr und mehr Kreise. Diese sind nicht etwa zufällig,
sondern stellen die Abbildung von eigentlich punktförmigen Objekten dar.
Ausgangspunkt
Einstellebene...
Nur Punkte, die auf unserer Schärfenebene (Einstellebene)
liegen, werden auch auf dem Film als Punkt abgebildet. Alle anderen Punkte,
die sich vor oder hinter unserer Einstellebene befinden, werden als so
genannte Zerstreuungskreise abgebildet.
Und die kann man in dieser Vergrößerung ganz wunderbar erkennen.
Rein physikalisch gibt es jeweils nur eine einzige Abstandsebene, deren
Punkte scharf abgebildet werden. Das heißt: Wenn Sie ein Portrait von einer
Person aufnehmen, ist eigentlich nur die Nasenspitze, oder das Auge scharf,
je nachdem, welche Entfernung Sie auf dem Objektiv eingestellt haben.
Doch Sie wissen selbst: Auf Fotos oder in Filmen ist deutlich mehr scharf
erkennbar als nur eine einzige Ebene. Nun, da kommen Toleranzen ins Spiel.
Diese Zerstreuungskreise sind nämlich nicht alle gleich groß.

Je näher sich die Punkte vor oder hinter der Einstellebene (EE)
befinden, desto kleiner, winziger, ja unauffälliger sind auch deren
Zerstreuungskreise. Wir nehmen sie also mehr oder weniger auch noch als
Punkte, also scharf auf dem Film, bzw. der Filmebene (FE) wahr.
Schärfentiefe (Depth of field)
Den Bereich vor und hinter unserer Schärfenebene, als dem Abstand, auf
den wir das Objektiv scharf gestellt haben, in dem diese Zerstreuungskreise
noch hinreichend klein abgebildet werden, dass sie als scharf wahrgenommen
werden, nennen wir Schärfentiefe. Oben als blauer waagerechter Balken
über der Einstellebene (EE) dargestellt.
Die Schärfentiefe ist von verschiedenen Faktoren abhängig:
Brennweite (focal length)
Einstellentfernung (distance), die Entfernung des
aufzunehmenden Objekts zur Kameraoptik
Blende (aperture, f-stop)
Aufnahmeformat
Gestaltungsmittel
Wichtig ist die Schärfentiefe nicht nur in Hinblick auf die technischen
Grenzen, sondern vor allem in Zusammenhang mit der Möglichkeit, mit ihr zu Gestalten.
Betrachten Sie diese Phänomene also stets als Chance, als Element der
Bildgestaltung! Das Auge des Zuschauers will nicht mit zu vielen Details im
Bild überfordert werden, es möchte geführt, auf die bildwichtigen Elemente
hingewiesen werden. Neben dem Bildaufbau, der Kadrage, der Lichtführung und
Farbdramaturgie ist die Schärfe ein wichtiges filmisches Mittel, die Blicke
des Zuschauers zu lenken. Einem Schauspieler, der vor einem unscharfen Hintergrund agiert, kommt
viel mehr Aufmerksamkeit zu, als wenn der Hintergrund detailreich in direkte
Konkurrenz zu ihm tritt. Beauty-Shots (Stars, Werbung etc.) arbeiten daher
größtenteils mit Unschärfe, um die Gesichter besser hervorzuheben.
Faustregel: Je größer die Schärfentiefe, desto größer der
Bereich in dem alles scharf abgebildet wird, je kleiner, desto geringer ist
dieser Bereich, desto eher verlieren sich Konturen in der Unschärfe.
Wenn Sie das nächste Mal einen Film oder Fotos betrachten, achten Sie
doch mal auf die Zerstreuungskreise... |